ERKENNTNIS


 

1. Anfänge

 

Niamh kommt mit einer Schale voll klein geschnittenem Obst aus dem Haus und geht durch den Garten zur Sitzecke. Sie stellt die Schale auf den Tisch und setzt sich auf die Liege.

Lächelnd beobachtet sie, wie ihre kleine Tochter einem Schmetterling hinterher läuft.

Keelin ist der lebende Beweis ihrer Liebe zu Aidan. Sie sind eine kleine, glückliche Familie und in einigen Monaten wird noch ein weiteres Kind dazu kommen.

Ihre grünen Augen verdunkeln sich trotz des Lächelns. Die dreijährige Keelin ist ihr ganzer Stolz. Die weißblonden Haare hat sie von ihrem Dad geerbt, genau wie die braunen Augen, die - im Gegensatz zu seinen - allerdings manchmal golden schimmern. Sie ist ein bildhübsches Kind und immer gut gelaunt, und doch gibt es ein Problem:

Keelin spricht nicht. Nichts, kein Wort. Das alleine wäre nicht einmal schlimm, aber sie ist nicht einfach nur stumm.

Sie gibt überhaupt keine Töne von sich. Sie hat als Baby weder vor sich hin „gebrabbelt“ noch geweint oder geschrien. Ein Kind, das man nur sieht oder spürt, aber niemals hört.

Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Aber die Kleine versteht alles. Und noch seltsamer ist es, dass ihre „Sprachlosigkeit“ den Menschen anscheinend nicht, oder erst sehr spät auffällt.

Aidans Mutter ist es erst an Keelins letztem Geburtstag vor sechs Wochen bewusst geworden, obwohl sie ihr Enkelkind mindestens einmal in der Woche sieht. Noch immer ist sie fassungslos und ruft täglich an, um ihnen Adressen von neuen Ärzten und Kliniken zu geben, die Keelin untersuchen sollen.

Niamh seufzt und hebt ihre Tochter, die zu ihr gekommen ist, auf ihren Schoß. Sie schiebt Keelin eine halbe Erdbeere in den Mund und lächelt sie an. „Mein kleiner Eala, Mummy wird einen Weg finden, um dir zu helfen. Das verspreche ich dir!“

Kleiner Eala“, kleiner Schwan, das ist seit deren Geburt ihr Kosename für Keelin.

Die Kleine kuschelt sich an sie und beginnt zu lächeln. Bevor sie ihre Augen schließt, sieht Niamh noch das kurze, goldene Aufleuchten darin.

Als Aidan nach Hause kommt, findet er seine Frau und seine Tochter schlafend im Garten. Der hochgewachsene, weißblonde Mann mit den dunklen Augen lehnt sich an den Apfelbaum und betrachtet die beiden lächelnd. Er kann sich ein Leben ohne seine beiden Frauen nicht mehr vorstellen.

Seine wunderschöne Niamh… Sie ist vor fünf Jahren im wahrsten Sinne des Wortes in sein Leben gestolpert.

Er erinnert sich noch genau. Es war ein sonniger Samstag Anfang April. Er war extra früh aufgestanden, um mit seinem neu gekauftem Motorrad eine Spritztour zu seinem Freund zu machen. Von Tipperary bis Limmerick waren es etwa 40 Kilometer und das sollte reichen, um sich mit der Maschine vertraut zu machen und eventuelle Mängel zu entdecken.

Gut gelaunt fuhr er los. Kurz hinter Boher stolperte plötzlich eine Person auf die Straße. Erschrocken wich er aus und bremste. Als das Motorrad zum Stehen kam, drehte er sich um und sah zurück. Er sah einen zierlichen Menschen mitten auf der Fahrbahn kauern.

Kurz entschlossen stellte er das Motorrad am Straßenrand ab und eilte zurück. Erst direkt vor seinem Ziel nahm er seinen Helm ab.

Ist Ihnen etwas passiert? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er besorgt. Als er dann das Geräusch eines nahenden Autos hörte, hob er die Gestalt kurzerhand hoch und trug sie auf den Grasstreifen neben der Straße.

Plötzlich sah er sich mit zwei strahlend grünen Augen konfrontiert. „Mir geht es gut... Glaube ich...“ Die Stimme war leise, sanft und eindeutig weiblich.

Vorsichtig ließ er sie runter, so dass sie zum Stehen kam. Viel war nicht von ihr zu erkennen. Eine dicke Jacke, sowie eine Mütze und ein Schal verbargen ihr Äußeres.

Ihr Blick allerdings war so unglaublich intensiv, dass eine heiße Welle durch seinen Körper lief.

Ist wirklich alles OK? Sie haben mir gerade einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er sie immer noch festhielt, bis sie jetzt ihre Mütze abnahm und ihre Haare nach hinten strich, damit sie ihr nicht ins Gesicht hingen.

Wow!“, entfuhr es ihm angesichts der dunkelroten Haarflut, die ihr bis zur Taille reichte. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Es tut mir leid, dass ich Sie erschrocken habe. Ich wollte nur die Straße überqueren und bin dann irgendwie gestolpert.“

Zum Glück ist ja nichts passiert.“ Er musterte sie nachdenklich. „Darf ich fragen, was Sie am frühen Morgen hier ganz alleine machen? Bis zu den nächsten Häusern ist es doch ein Fußmarsch von mindestens einer halben Stunde.“

Ich musste nachdenken und deshalb habe ich beschlossen, spazieren zu gehen. Morgens ist es immer so friedlich und still hier draußen, gerade am Wochenende.“

Ach so, und dann komme ich Idiot vorbeigefahren und störe den Frieden.“

Erschrocken sah sie ihn an. „Oh nein, Sie sind kein Idiot!“

Oh doch!“ Er lacht. „Sogar ein schlecht erzogener, wie es scheint. Ich habe mich bisher noch nicht einmal vorgestellt. Mein Name ist Aidan Callahan.“

Aidan... ein schöner Name. Ich heiße Niamh O´Cliodhna.“ Sie reichte ihm die Hand. Er ergriff sie und sah Niamh an.

Darf ich Sie denn nach diesem Schrecken zumindest auf einen Kaffee einladen?“ Erst als sie schließlich nickte, wurde ihm klar, wie gespannt er auf ihre Antwort gewartet hatte.

Ich habe in der Satteltasche noch einen Helm“, erklärte er.

Als sie langsam zu seinem Motorrad hinüber gingen, fragte er: „Haben Sie einen bestimmten Wunsch, wohin wir fahren wollen, Miss O’Cliodhna? Ich kenne nicht weit von hier eine kleine Gaststätte, in der man ein hervorragendes Frühstück bekommt.“

Sie blieb stehen und sah ihn an. „Ich heiße Niamh, einfach Niamh! Und ich habe keinen besonderen Wunsch.“

Aidan lächelte sie an. „Niamh also. Und ich bin einfach nur Aidan!“

Am Motorrad angekommen, öffnete er die Satteltasche und holte den Helm heraus. „Ich hoffe nur, er passt dir einigermaßen.“

Niamh schüttelte den Kopf. „Ich brauche ihn nicht mehr.“

Erstaunt sah er sie an. Sie zeigte auf sein Motorrad, und als er ihrem Blick folgte, stellte er fest, dass der hintere Reifen seiner Maschine platt war.

Und nun?“

Und nun laufen wir eben“, sagte sie lachend. Er lachte zurück.

Also laufen wir. Ich frage mich nur gerade, wer von uns heute Morgen Glück hatte, Niamh. Wenn das während meiner Fahrt passiert wäre, hätte das schlimme Folgen haben können.“

Er sah nicht, wie sich ihre Augen kurz verdunkelten, bevor sie ihn anlächelte.

Es ist aber nichts passiert! Und jetzt lass uns losgehen, mir ist nämlich inzwischen kalt.“

 

Als Niamh sich jetzt regt, kehrt Aidan von seinem Ausflug in die Vergangenheit zurück. Niamh öffnet ihre Augen und beginnt sofort zu lächeln, als sie ihn bemerkt. „Bist du schon lange hier, a rún?“

Lange genug, um wieder einmal festzustellen, was ich doch für ein Glückskind bin mit meiner tollen Frau und meiner süßen Tochter“, gibt er zurück und beugt sich über sie, um sie zu küssen.

Aidan, ich muss dir etwas sagen.“ Gespannt schaut er sie an. „Ich bin schwanger.“

Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht. „Wirklich? Das ist toll! Wann ist es denn soweit?“ Er unterbricht sich und sieht sie forschend an. „Was ist denn los Sweety? Freust du dich denn gar nicht? Warum bist du so ernst?“

Sie versucht zu lächeln, aber irgendwie gelingt ihr das nicht wirklich. „Doch Aidan, ich freue mich. Aber ich habe auch Angst.“ Ihr Blick auf Keelin zeigt ihm, wovor sie Angst hat. Er setzt sich neben sie und nimmt ihre Hände.

Ach Sweety. Schau mal, erstens ist es nicht gesagt, dass es beim zweiten Kind genauso wird und selbst wenn es so sein sollte... Ist es denn wirklich so schlimm? Hast du den Eindruck, dass unsere Kleine darunter leidet? Sie tobt herum, spielt mit anderen Kindern, versteht alles und... vielleicht klingt das ja jetzt seltsam, aber ich glaube, sie hat einfach eine andere Art mit uns zu kommunizieren. Ich brauche sie nur anzusehen, um zu wissen, was sie gerade möchte.“

Abwartend sieht er seine Frau an. Sie nickt langsam. „Irgendwie hast du schon recht, aber wir müssen trotzdem versuchen ihr zu helfen. Das ist doch nicht normal.“

Sanft zieht Aidan sie an sich. „Natürlich werden wir weiterhin alles unternehmen. Aber schau sie dir an. Sie ist doch sonst ein gesundes glückliches Kind.“

Vorsichtig streicht Niamh der schlafenden Keelin die Haare aus dem Gesicht. „Du hast ja recht, a rún. Vielleicht finden wir irgendwann heraus, woran es liegt, dass sie nicht spricht.“

Aidan lächelt. „Na siehst du. Aber ich wollte dir etwas ganz anderes erzählen. Meine Grandma hat bei meiner Mutter angerufen und sie möchte uns besuchen. Ich wollte dich fragen, ob sie hier bei uns schlafen kann. Ich habe Grandma schon so lange nicht mehr gesehen. Als wir geheiratet haben, war sie ja krank, sonst wäre sie bestimmt gekommen.“

Niamh lehnt sich an ihn. „Meinetwegen kann sie gerne kommen, aber du räumst das Gästezimmer leer. Das sind nämlich alles deine Sachen, die da drin stehen. Wann wird sie denn kommen?“

Irgendwann nächste Woche, wenn ich es richtig verstanden habe. Und natürlich räume ich das Zimmer auf Sweety. Du solltest dich jetzt etwas schonen.“

Aidan! Ich bin schwanger und nicht krank!“ Niamh muss lachen.

Er drückt sie zärtlich an sich. „Das weiß ich doch Sweety, aber du musst trotzdem vorsichtig sein. Nicht mehr schwer tragen und so was. Dafür hast du doch mich. Und deshalb werde ich jetzt auch unsere Tochter ins Haus tragen. Es wird langsam kalt und ich habe Hunger.“

 

2. Grandma

In den nächsten Tagen fällt Aidan auf, dass Niamh sehr ruhig und nachdenklich ist. Er schiebt es auf die Schwangerschaft und hofft, dass es sich in den nächsten Wochen wieder legt. Er vermisst ihr Lachen früh morgens und ihre Angewohnheit, fast immer vor sich hin zu summen. Nur ungern lässt er sie allein, um zur Arbeit zu gehen.

Am Wochenende räumt er das Gästezimmer aus und dann gehen sie gemeinsam mit Keelin zum Lough Gur. Sie können den See von ihrem Garten aus sehen und Niamh hat damals darauf bestanden, dieses Haus zu kaufen.

Der See übt eine seltsame Faszination auf sie aus. Sie kann Stunden hier verbringen, aber am liebsten ganz alleine. Aidan hat sie dabei schon häufig von Weitem beobachtet. Bewegungslos sitzt sie dann am Ufer und schaut dorthin, wo die drei Crannógs liegen. Manchmal hat er den Eindruck, als warte sie auf etwas.

Heute plaudern sie allerdings miteinander. „Ich hole Grandma morgen früh vom Bahnhof ab. Leider muss ich ab Mittag arbeiten, aber ihr beide werdet schon miteinander klarkommen. Du wirst sie mögen, Sweety.“

Niamh sieht ihn an, „Du hängst sehr an ihr, oder?“

Ich bin praktisch bei ihr groß geworden. Du kennst meine Mutter doch. Sie ist nie damit klargekommen, dass mein Dad mich mit in die Ehe gebracht hat und sie keine eigenen Kinder bekommen konnte.“

Oh Aidan, du musst ein sehr unglückliches Kind gewesen sein.“

Er schüttelt den Kopf. „Nein, ich hatte ja Grandma. Sie hat mir die wildesten Geschichten über Feen und Banshees erzählt. Und dann hat sie mich an die Hand genommen und ist mit mir zu den mystischen Orten hier in der Gegend gewandert. Hier am See waren wir auch oft. Grandma behauptete immer, genau zwischen den drei Crannógs würde der Zugang zu Thierna na oge, dem geheimen Feenland, liegen.“ Er unterbricht sich, als er Niamhs Erschaudern bemerkt. „Was ist los Sweety?“, fragt er besorgt.

Sie sieht ihn nicht an. „Nichts. Mir wird nur langsam kalt. Wollen wir zurückgehen?“

Niamh schläft in dieser Nacht schlecht. Immer wieder zuckt sie im Schlaf zusammen. Aidan kann nicht verstehen, was sie vor sich hinmurmelt. So bleibt ihm nur, sie in den Arm zu nehmen, sie zu streicheln und solange leise auf sie einzureden, bis sie endlich wieder ruhig schläft.

Am nächsten Morgen sieht sie blass und übernächtigt aus. Aidan mustert sie besorgt, als sie beim Frühstück sitzen. „Niamh, geht es dir nicht gut? Wirst du krank?“

Sie schüttelt den Kopf. „Nein. Ich weiß auch nicht. Vielleicht liegt es an der Schwangerschaft. Und dann die ständigen Anrufe deiner Mutter. Es sind alles nur Kleinigkeiten, aber...“

Ich werde mit meiner Mutter mal ein ernstes Wort reden, wenn ich Grandma vom Bahnhof abgeholt habe! Brühst du bitte frischen Tee auf? Grandma trinkt - genau wie du - nur Tee, keinen Kaffee.“ Er steht auf und holt seine Jacke. „Ich bin nur froh, dass du heute Nachmittag nicht allein bist. Wenn Grandma nicht kommen würde, hätte ich Urlaub genommen.“

So ein Blödsinn. Ich bin nur ein bisschen müde und genervt. Weiter nichts!“

Er kommt zu ihr und gibt ihr einen Kuss. „Sweety, ich bin nicht blind, aber darüber können wir heute Abend noch reden. Jetzt muss ich erstmal los. Bis gleich!“

Sie schaut ihm hinterher, bis er ins Auto steigt und wendet sich dann ihrer Tochter zu. „Na Keelin, wollen wir mal einen Teller Kekse fertigmachen für Dads Grandma?“

Die Kleine strahlt sie an und läuft zum Schrank. Sie holt eine Schale heraus, die auf dem Boden eine große Kornblume zeigt. Erwartungsvoll sieht sie ihre Mutter an.

Wir wollten doch einen Teller nehmen.“ Niamh will die Schale wieder in den Schrank stellen, aber Keelin schaut sie an und schüttelt energisch den Kopf. Lächelnd gibt sie nach.

Dann eben die Schale... Weißt du denn auch, wo die Kekse sind?“ Die Kleine läuft in die Vorratskammer und hält stolz die Keksdose hoch, als sie wiederkommt. Niamh streicht ihr über den Kopf.

Danke, mein Schatz. Hilfst du Mummy den Tisch auf der Terrasse zu decken? Dann kannst du die Kissen für die Stühle nehmen.“

Schmunzelnd beobachtet sie ihre Tochter, wie die sich mit zwei Stuhlkissen abmüht, die größer sind als sie selbst. Schließlich haben sie den Tisch gedeckt und alles vorbereitet. Niamh lässt sich in einen Stuhl fallen und Keelin klettert sofort auf ihren Schoß. „Jetzt müsste Dad auch gleich kommen und dann darfst du Kekse essen.“

Es dauert nicht lange und sie hören das Auto vorfahren. Kurz darauf erscheint Aidan mit einer kleinen, grauhaarigen Frau auf der Terrasse. „Siehst du Grandma, ich habe doch gesagt, dass wir bei dem schönen Wetter bestimmt draußen sitzen. Grandma, das ist meine Frau Niamh und diese kleine Maus ist Keelin. Setz dich doch einfach schon mal hin. Ich hole nur eben deine Koffer aus dem Auto.“

Bevor jemand etwas sagen kann, ist er wieder verschwunden. Die beiden Frauen sehen sich an. Schließlich nickt die alte Dame. Niamh will aufstehen, aber Aidans Grandma winkt ab.

Bleib ruhig sitzen, Kind. Auf die Art von Förmlichkeit können wir wohl verzichten. Mein Name ist Tallulah, aber du kannst auch gerne Grandma zu mir sagen.“

Niamh schaut sie mit großen Augen an. „Du weißt...?“

Ja, ich weiß, wer du bist, Kind, aber du musst dir keine Sorgen machen. Wir unterhalten uns, wenn Aidan nachher weg ist.“ Ihr Lächeln ist so warm und herzlich, dass Niamh erleichtert aufatmet.

Aidan kommt mit dem Tee aus dem Haus. „Na, habt ihr beiden euch schon bekannt gemacht?“ Er schenkt den Tee ein und setzt sich.

Ich habe mich erstmal vorgestellt, nachdem du mich hier einfach so abgeladen hast“, erklärt Tallulah gespielt vorwurfsvoll.

Aidan schmunzelt. „Weißt du Grandma, an diesem Tisch sitzen jetzt die drei Frauen, die mir wichtig sind. Und da ich euch alle kenne, bin ich mir sicher, dass ihr euch verstehen werdet.“

Ich denke schon“, meint seine Grandma, „und du kleiner Eala, kommst du denn auch mal zu mir?“ Erstaunt sehen Niamh und Aidan sie an. Ihr fällt es erst auf, als sie Keelin, die bereitwillig zu ihr gekommen ist, auf ihren Schoß gehoben hat. „Was schaut ihr mich so an?“

Eala ist der Kosename, den Niamh für Keelin hat. Deshalb bin ich erstaunt, dass du ihn auch benutzt.“

Wahrscheinlich, weil er einfach passt. Keelin ist ein kleiner Schwan!“

Aidan schüttelt den Kopf. „Das müsst ihr mir irgendwann einmal erklären.“

Das wirst du irgendwann von ganz alleine verstehen“, gibt seine Grandma zurück.

Warum habe ich gewusst, dass du genau das sagen wirst?“ Aidan steht auf. „Ich muss jetzt los, aber zum Glück nur bis sechs. Ich wünsche euch Dreien einen schönen Tag.“

Denkst du bitte nachher an die Milch und das Brot, a rún?“

Für dich mache ich doch alles, Sweety! Bis heute Abend!“

Die beiden Frauen sitzen stumm da, bis das Auto vom Hof gefahren ist. Niamh schaut auf ihre Tochter, die sich auf Tallulahs Schoß anscheinend sehr wohlfühlt, und hebt dann ihren Blick, um der alten Frau in die Augen zu sehen.

Was weißt du über mich?“

Tallulah kann sich ein Schmunzeln angesichts dieser Direktheit nicht verkneifen.

Also gut. Du bist Aodnait, ein direkter Nachfahre der Cliodhna und somit von königlichem Feenblut. Wie alle aus deiner Familie bist du eine Banshee. Vor fünf Jahren bist du plötzlich aus dem Feenreich verschwunden und seither gibt es nur Gerüchte über deinen Verbleib.“ Abwartend schaut sie Niamh an.

Woher weißt du das alles?“ Niamhs Verwirrung ist nicht zu überhören.

Kind, du musst wissen, auch ich habe Feenblut in mir. Mein Vater war ein Wechselbalg. Und als du verschwunden bist, war das gesamte Feenreich in Aufruhr. Als Aidan mich dann anrief und mir erzählte, er hätte die Liebe seines Lebens gefunden, wusste ich sofort, dass nur du es sein kannst. Ich konnte leider nicht zu eurer Hochzeit kommen, und als sie vorüber war, beschloss ich abzuwarten. Allerdings habe ich mich immer gefragt, wie es dazu gekommen ist.“

Niamh schluckt schwer und blickt auf ihre Tochter. Tallulah streicht Keelin über den Kopf und lächelt. „Sie weiß mehr als du dir vorstellen kannst, mein Kind. Erzähl mir einfach, was geschehen ist, dann finden wir vielleicht auch eine Lösung für euer Problem.“

Seltsamerweise vertraut Niamh der alten Dame schon nach dieser kurzen Zeit und so beginnt sie, zu erzählen.

Ja, ich bin eine Banshee. Vor fünf Jahren kamen sie zu mir und sagten, ich sei jetzt alt genug, um das erste Mal den Tod anzukündigen. Und ich, ich war stolz und neugierig. Ich wusste, wessen bevorstehenden Tod ich verkünden sollte, und so schlich ich mich eines Tages aus dem Feenreich in die Welt der Menschen. Ich wollte ihn mir doch nur einmal ansehen...“

Niamh unterbricht sich und sieht zu Boden. Leise spricht sie dann weiter.

Ich schlich mich in seine Nähe. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich hörte sein Lachen. So warm und herzlich und unbeschwert. Es war klar, dass das ein junger Mann war. Ich lief weg, ohne ihn gesehen zu haben, aber dieses Lachen, es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es vergingen einige Tage und... Ich musste ihn sehen... Er saß auf einem Baumstumpf und sprach mit seinem Hund. Seine Stimme war genau wie sein Lachen und er hatte diese kleinen Lachfältchen um die Augen. Diese warmen Augen in der Farbe von Haselnüssen... Ich flüchtete wieder ins Feenreich. Wir dürfen nicht wissen, wie der Mensch stirbt, dem wir den Tod verkünden. Aber es gelang mir, es herauszufinden. Er war nicht krank, er sollte einen Unfall mit dem Motorrad haben... Und ich sollte es zwei Tage vorher ankündigen, aber ich konnte es nicht. Ich wollte nicht, dass dieses Lachen so einfach verstummt. Ich ging in die Menschenwelt, besorgte mir Sachen, mietete ein Zimmer und fing ihn zwei Kilometer vor der Unfallstelle ab...“ Niamh verstummt.

Tallulah hat gespannt zugehört. „Also war es Aidan. Und du hast dich in ihn verliebt. Du nennst ihn „a rún“, mein Schatz. Ich weiß, welche Bedeutung dieser Ausdruck für Feen hat. Er ist dein Leben.“

Niamh nickt. „Ja, das ist er. Aber dafür haben sie unsere Tochter verflucht. Ich habe versucht ins Feenreich zurückzukehren, um sie zu bitten den Fluch wieder aufzuheben, aber ich komme nicht mehr hinein.“

Tallulah schüttelt langsam den Kopf. „Nein Kind. Ich glaube nicht, dass es ein Fluch ist. Aber ich denke schon, dass du die Lösung im Feenreich finden wirst. Wir werden schon gemeinsam einen Weg finden, wie du dort hingelangen kannst.“

Die ruhige Stimme und die Sicherheit, mit der Tallulah spricht, lösen den Knoten in Niamhs Hals. Sie beginnt zu weinen.

Sofort ist Keelin bei ihr. Nimmt ihre Hände und schaut sie groß an. Keelins Augen sind plötzlich komplett golden. Innere Ruhe breitet sich in Niamh aus.

Danke Grandma. Ich bin so froh, dass ich es endlich mal jemandem erzählen konnte. Vielleicht finden wir ja wirklich einen Weg.“

Ich werde nachher mal ein paar alte Freunde anrufen. Eventuell können die uns ja weiterhelfen. Aber jetzt werden wir erst einmal unseren Tee trinken und die Kekse essen.“

Schmunzelnd schaut Tallulah zu, wie Keelin von ihrem Schoß rutscht und die Schale vom Tisch nimmt, um sie ihr hinzuhalten. Tallulah nimmt sich einen Keks und Keelin schiebt die anderen Kekse an die Seite.

Keelin, was machst du denn da? Du sollst doch nur einen Keks nehmen“, sagt Niamh vorwurfsvoll.

Sie möchte mir doch nur etwas zeigen, Niamh“, meint Tallulah, „Das ist eine Kornblume. Zu wem gehört die, Keelin?“ Das kleine Mädchen lächelt die Grandma an und zeigt auf ihre Mutter.

Weißt du eigentlich, dass sie ein ganz besonderes, kleines Mädchen ist, Niamh? Keelin, weißt du denn auch, welche Blume zu mir gehört?“

Gespannt sehen beide Frauen zu, wie Keelin in den hinteren Teil des Gartens läuft. Zielsicher pflückt sie etwas ab und bringt es zum Tisch. „Toll Keelin! Meine Blume ist die Hagebuttenblüte und jetzt zeigst du uns bestimmt, welche Blume deine ist.“

Keelin nickt heftig und läuft zum Rasen. Sie pflückt ein Kleeblatt ab und bringt es zu Tallulah. „Die Kleeblüte...“ Das Kind nickt wieder, zeigt aber auf die Tassen. Niamhs Augen werden groß. „Ihre Blume ist die rote Kleeblüte?“

Grandma nickt. „Ja, wie es aussieht, gehört Keelin zu den Blumengöttinnen. Aber ich vermute, dass sie noch viel mehr kann.“

Sie wendet sich dem Kind zu. „Irgendwann zeigst du uns aber, was die Blumen dir alles erzählen, ja?“ Das Lächeln des kleinen Mädchens hat etwas Geheimnisvolles, als sie sich jetzt an ihre Mutter lehnt.

Als Aidan abends nach Hause kommt, sitzen die beiden Frauen im Wohnzimmer und unterhalten sich. Er setzt sich zu ihnen und schnell bemerkt er, dass Niamh viel fröhlicher ist. In dieser Nacht schläft sie ruhig und entspannt ohne zu träumen in seinem Arm.

Nachdem er am nächsten Tag zur Arbeit gefahren ist, gehen die beiden Frauen zum Lough Gur. Als sie am Ufer stehen, sieht Tallulah Niamh an. „Du weißt, wo das Tor ist, oder?“

Niamh schaut auf den See hinaus.

Ja, es liegt im Mittelpunkt zwischen den Inseln, die die Menschen Crannógs nennen. Aber ich komme nicht hinein, ich habe es immer wieder versucht.“

Tallulah lächelt ihr beruhigend zu. „Ich habe gestern Abend mit einem Freund telefoniert, Kind. Er sagte mir, du sollst es mal bei Neumond versuchen, dann sei das Tor durchlässiger. Neumond ist in drei Tagen. Meinst du, du schaffst es das Haus gegen Mitternacht zu verlassen, ohne dass Aidan etwas merkt?“

Niamh nickt. „Das ist kein Problem. Einige meiner Kräfte habe ich noch. Er wird tief und fest schlafen.“

Tallulah beobachtet Keelin, die am Ufer Blumen pflückt. „Gut, dann müssen wir nur noch die richtigen Vorbereitungen treffen. Du solltest vorher da drüben in dem Bach baden. Dein Haar muss offen sein und du darfst keinen Schmuck tragen. Ich weiß ja nicht, ob du erst am Ufer warten willst oder lieber gleich hinüberschwimmst, aber du solltest Handtücher und warme Sachen mitnehmen.“

In den nächsten Tagen wird das Verhältnis der beiden Frauen zueinander immer herzlicher und inniger. Aidan freut sich darüber. Niamh ist sonst eher sehr zurückhaltend. Ihm gefällt es, dass sie jetzt endlich mal Gesellschaft hat. Als Tallulah erwähnt, dass sie sich überlegt, ob sie sich in der Nähe eine Wohnung suchen soll, ist er begeistert.

Liamh will sein Cottage verkaufen. Soll ich mal mit ihm sprechen?“

Ich kann es mir ja mal ansehen. Es wäre schön, wenn ich meine Urenkel aufwachsen sehen könnte.“ Aidan verspricht ihr, gleich am nächsten Tag einen Termin mit Liamh abzusprechen.

Als sie ins Bett gehen, bemerkt er die Blicke, die die beiden Frauen tauschen nicht. Im Bett zieht er Niamh in seinen Arm.

Ist es nicht schön, dass Grandma hierher ziehen möchte? Keelin liebt sie und du magst sie doch auch.“ Niamh dreht sich zu ihm um. „Ja, ich mag deine Grandma. Sie ist unglaublich lieb und sie weiß so viel.“

Während sie spricht, zeichnet sie sanft seine Augenbrauen mit ihrem Finger nach. Wenig später schläft Aidan tief und fest. Niamh beugt sich über ihn und küsst ihn auf die Stirn. „Ich liebe dich, a rún. Egal was passiert, bitte vergiss das nie!“

Sie steht auf und zieht sich an. Mit einem letzten Blick auf ihren Mann verlässt sie das Schlafzimmer. Leise geht sie zum Zimmer ihrer Tochter hinüber und öffnet die Tür einen Spalt. Tallulah sitzt dort im Sessel und nickt ihr zu. „Geh ruhig Kind. Ich passe hier auf.“ Dankbar lächelt Niamh sie an und verlässt dann leise das Haus.

 

3. Wechselbalg

 

Niamh geht langsam hinunter zum Bach. Fast eine Stunde verbringt sie in dem kalten Wasser. Sie weiß genau, dass sie keine künstlichen Gerüche an sich haben darf, wenn sie in die Feenwelt will.

Als sie schließlich aus dem Wasser kommt, zittert sie. Aber das liegt nicht an der Kälte. Sie hat Angst! Angst davor zu Versagen und auch Angst vor dem, was passieren wird, wenn es ihr gelingt, in das Feenreich zu gelangen.

Sorgfältig wickelt sie ihre Sachen und den Ehering in das große Handtuch, das sie mitgebracht hat, und versteckt das Bündel hinter großen Steinen. Sie wäscht sich noch einmal die Hände und geht dann hinunter zum Lough Gur.

Am Ufer angekommen, dreht sie sich noch einmal um und schaut zum Haus zurück. „Ich liebe euch“, flüstert sie, bevor sie in den See gleitet. Zielsicher schwimmt sie zu der Stelle, die den genauen Mittelpunkt zwischen den Crannógs bildet. Noch einmal atmet sie tief durch und taucht dann hinunter.

Sie erreicht einen grünlich schimmernden Kreis. Das Tor. Wie immer in den letzten Jahren ist es verschlossen. Sie versucht es zu öffnen, aber es gelingt ihr einfach nicht.

Verzweifelt steigt sie schließlich wieder zur Wasseroberfläche auf und schwimmt hinüber zu einer der Inseln. Am Ufer kauert sie sich zusammen. Es hat wieder nicht geklappt. Was soll sie nur machen?

Tränen der Hilflosigkeit laufen über ihr Gesicht. Sie ist so in ihre Verzweiflung versunken, dass es eine Weile dauert, bis sie bemerkt, dass das grüne Glimmen des Tores die Wasseroberfläche erreicht hat. Sie hält den Atem an und lässt die Stelle nicht aus den Augen.

Sie sieht Luftblasen aufsteigen und dann erscheint ein Kopf. Die Gestalt schwimmt genau auf die Insel zu, auf der sie sitzt. Etwa dreißig Meter von ihr entfernt, erreicht sie das Ufer und kommt aus dem Wasser. Niamh sieht, dass es sich um einen seltsam verformten Mann handelt. Sie beobachtet, wie er zu einem Busch geht und ein Bündel hervorholt. Er schnürt das Bündel auf und beginnt sich anzukleiden.

Niamh erhebt sich und geht langsam auf ihn zu. „Hallo“, sagt sie zögernd.

Der Mann fährt herum und schaut in ihre Richtung. „Wer bist du und was willst du von mir?“ zischt er abweisend.

Ich möchte nur mit dir reden.“ Langsam und vorsichtig geht sie weiter auf ihn zu, bis sie schließlich vor ihm steht.

Er mustert sie mit zusammengekniffenen Augen. „Sieh mal an, Prinzessin Aodnait“, grinst er hämisch, „was verschafft mir denn diese Ehre?“

Niamh spürt die Abneigung, die ihr entgegen schlägt. Am liebsten würde sie sich umdrehen und weglaufen. Aber vielleicht kann dieser Mann ihr helfen, das Feenreich zu betreten. Sie schluckt.

Ich... ich wollte dich fragen, ob du mir helfen kannst.“

Er lässt sie nicht aus den Augen. „Ich? Der ungewollte Wechselbalg, den man mal eben in der Menschenwelt abgelegt hat, soll dir, der Prinzessin der Feen, helfen? Verrätst du mir auch, warum ich das machen sollte, nachdem ich von euch Feen verstoßen wurde?“ Seine Stimme klingt bitter.

Können wir uns setzen?“, bittet Niamh leise. Er zuckt die Schultern. „Von mir aus. Aber das bedeutet nicht, dass ich dir helfe, wobei auch immer.“

Danke.“ Niamh setzt sich auf einen Stein und der Mann lässt sich ihr gegenüber auf dem Boden nieder.

Ich bin Aodnait, aber mir wäre es lieber, wenn du Niamh zu mir sagst. Würdest du mir vielleicht verraten, wie du heißt?“

Mein Name ist Padraig“, gibt er kurz zurück.

Ich habe das Feenreich vor fünf Jahren verlassen und war seitdem nicht mehr dort, Padraig.“

Der Mann nickt, „Damit erzählst du mir nichts Neues, Prinzessin. Allerdings weiß niemand warum und wohin du gegangen bist. Und ich weiß immer noch nicht, was du von mir willst.“ Der höhnische Unterton in seiner Stimme macht es Niamh schwer weiterzusprechen. Sie sieht vor sich auf den Boden und beginnt dann leise zu erzählen.

Vor fünf Jahren sollte ich einem Menschen den Tod ankündigen. Es war das erste Mal für mich und ich war neugierig. Ich ging in die Menschenwelt um ihn zu sehen... und ich verliebte mich in ihn. Ich habe alle Regeln gebrochen, um herauszufinden, wie er sterben sollte... und ich verhinderte seinen Tod. Ich blieb in der Menschenwelt, wurde eine Menschenfrau und heiratete ihn. Wir bekamen eine kleine Tochter und ich habe es nie bereut.“

Na, dann ist doch alles in bester Ordnung. Du lebst als Mensch und bist glücklich. Aber es bleibt die Frage, was du von mir willst.“ Niamh zuckt zusammen, so kalt und abweisend klingen seine Worte. Sie hebt den Kopf und schaut direkt in seine Augen.

Es geht nicht um mich. Mich hätten sie gerne bestrafen können... Aber sie haben Keelin bestraft. Meine kleine Tochter. Sie ist jetzt drei Jahre alt und sie hat noch nie einen Ton von sich gegeben. Ich wollte sie bitten den Fluch wieder aufzuheben, aber ich komme nicht mehr ins Feenreich. Bitte hilf mir Padraig. Nicht für mich. Für Keelin...“ Sie verstummt.

Padraig schaut sie nachdenklich an. „Ich soll dich also durch das Tor bringen...Ich werde es machen. Ich mache es für deine Tochter und um mich an denen zu rächen, die mich nicht haben wollten. Lass mich mal überlegen...Ich kann dich nur reinbringen, wenn das Tor nicht so streng bewacht wird. Also am Besten an einem Feiertag. Der nächste wäre Ostara. Das ist in neun Tagen. Komm dann wieder her. Aber bilde dir bloß nicht ein, dass ich es für dich mache. Nur für deine Tochter und für meine Rache!“ Damit steht Padraig auf und geht ohne ein weiteres Wort davon.

Niamh schaut ihm nach. In neun Tagen also... Immerhin hat er versprochen, ihr zu helfen.

Nach einer Weile schwimmt sie zurück und läuft zu ihren Sachen. Schnell kleidet sie sich an und eilt nach Hause. Vorsichtig kriecht sie zu Aidan unter die Decke und kuschelt sich an ihn. Müde schließt sie ihre Augen... In neun Tagen.

Am nächsten Tag sitzt sie mit Tallulah auf der Terrasse nachdem Aidan zur Arbeit gefahren ist, und berichtet von den Ereignissen der Nacht.

Ein Wechselbalg“, sagt Tallulah nachdenklich. „Die meisten von ihnen sind verbittert, wenn ihnen klar wird, dass sie eigentlich nicht in die Menschenwelt gehören. Sie fühlen sich abgelehnt und werden dann nicht selten bösartig. Manche von ihnen wandeln dann ständig zwischen den Welten. Die Menschen nennen sie dann Leprechants. Weißt du eigentlich, warum sie nicht im Feenreich bleiben dürfen? Diese Frage hat sich mein Vater auch immer gestellt. Auch er war anfangs verbittert und nur die Liebe meiner Mutter hat verhindert, dass er bösartig wurde.“

Niamh schüttelt den Kopf. „Nein, ich weiß es nicht. Und ich muss gestehen, dass es mich auch früher nie interessierte. Es war einfach so, dass manche Kinder in die Menschenwelt gebracht wurden. Aber es stimmt nicht, dass wir schöne und gesunde Kinder aus der Menschenwelt zu uns holen. Im Feenreich gibt es keine Menschenkinder. Die Feenkinder kommen dorthin, wo gerade ein Kind gestorben ist. Die Menschenkinder beerdigen wir in dem Monument von Newgrange. Von dort können sich ihre Seelen in der Nacht der Wintersonnenwende auf den Weg in das nächste Leben machen.“

Oh, das wusste ich auch noch nicht“, sagt Tallulah. „Ich habe mich immer gefragt, was die Feen mit den Menschenkindern machen.“

Die meisten Menschen halten Feen für verspielt, unbekümmert und verantwortungslos. Und sie halten Banshees für böse, weil sie den Tod verkünden. Aber wir sind nicht böse. Wir verursachen den Tod ja nicht, wir verkünden ihn nur.“ Niamh klingt traurig.

Weißt du Kind, für die Menschen ist der Tod etwas Schlimmes. Die meisten wissen einfach nicht, dass das Leben immer nur ein kurzer Abschnitt ist und ihre Seele dann weiterwandert. Das macht ihnen Angst und deshalb halten sie die Verkünder des Todes für böse.“

Tallulah gießt sich einen Tee ein und spricht dann weiter.

Und jetzt willst du es an Ostara versuchen? Traust du Padraig?“

Niamh überlegt einen Augenblick. „Es ist seltsam, aber ja: Ich traue ihm. Ich glaube, er ist nicht so böse, wie er sich gibt. Wäre er wirklich böse, interessierte es ihn auch nicht, was aus Keelin wird.

Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, er hat Mitleid mit ihr. Du sagtest vorhin ‚verbittert’. Das ist genau das richtige Wort. Er ist nicht böse, er ist verbittert. Wenn ich ins Feenreich komme, werde ich auch versuchen herauszufinden, warum Kinder wie er in die Menschenwelt gebracht werden. Vielleicht hilft es ihm, den Grund zu kennen.“

Tallulah nickt. „Ich glaube, meinem Vater hätte es geholfen. Das ‚Warum’ quält die meisten ihr ganzes Leben lang.“

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