Es steht geschrieben

 Es steht geschrieben.

 

Es steht geschrieben

Die Sonne geht gerade auf. Man sieht die frühen Nebelschwaden noch über den Wiesen liegen, als Sionad leise das Haus verlässt. Vorsichtig zieht sie die Tür hinter sich zu und wendet sich in Richtung Fluss. Ihre Eltern wären nicht begeistert, wenn sie bemerken würden, dass das Mädchen frühmorgens alleine das Haus verlässt.

Sionad ist sechzehn. Ein zierliches rothaariges Mädchen mit grünen Augen und feingezeichneten Gesichtszügen. Sie zieht den Kragen ihrer Jacke höher. Es ist frisch Anfang März, aber sie muss raus. Seit Wochen verspürt sie diese Unruhe.

Unten am Fluss bleibt sie stehen und sieht sich um. Die ersten Vögel zwitschern, aber nichts anderes stört die Stille. Langsam setzt sie sich auf einen großen Stein und lauscht dem Plätschern des Wassers, wenn es die großen Felsen im Fluss umspült.

Sie sehnt sich nach dem Frühling. Den ganzen Winter hat sie sich eingesperrt gefühlt. Und in letzter Zeit läuft einfach alles schief. Jason hat Schluss gemacht, wegen dieser dämlichen Deborah…………Das stört sie eigentlich nicht einmal. Sie war nur aus Gewohnheit mit ihm zusammen, aber seine Begründung hatte sie verletzt. Er hatte vor ihr gestanden und sie fast mitleidig angesehen:

Sionad, du bist 16. Wir sind seit fast zwei Jahren ein Paar und mehr als Händchenhalten und Küssen ist nicht drin. Verdammt Sionad, ich bin 19 und ich erwarte von einer Beziehung mehr. Du bist eiskalt…Du kommst in Klamotten, die kaum Raum für Vorstellungen lassen und du flirtest und tanzt engumschlungen mit mir. Und wenn ich dann mehr will, lässt du mich stehen wie einen dummen Jungen. Ich habe auch Bedürfnisse. Mach das in Zukunft mit jemand anderen…“

Bevor sie etwas entgegnen konnte, war er in sein Auto gestiegen. „Mach´s gut!“ rief er ihr noch zu und fuhr vom Hof.

Sie verstand sich selber nicht. Sie nahm die Pille schon seit über einem Jahr und sie mochte Jason auch. Und eigentlich hatte sie auch vor mit ihn zu schlafen, aber irgendetwas hielt sie im entscheidenden Moment immer zurück. Es ging dann einfach nicht.

Aber Jason war nur ein Problem. Sie war eine hervorragende Schülerin, aber seit dem Herbst hatte sie fast alle Klassenarbeiten verhauen. Obwohl sie ganz normal lernte, schrieb sie eine Fünf nach der anderen. Ihr Vater war sauer und hatte ihr Hausarrest gegeben. Seit Januar war sie nicht mehr mit ihren Freundinnen losgezogen, aber ihre Noten wurden nicht besser. Wenn sie eine Arbeit schrieb, schien ihr Kopf leer zu sein. Sie wusste einfach nicht, was sie noch machen sollte.

Irgendetwas lässt sie plötzlich aus ihren Gedanken hochschrecken und den Kopf heben. Sie sieht sich um und bemerkt auf dem Hügel eine Bewegung. Verwirrt runzelt sie die Stirn. Ein schwarzer Hund? Niemand besitzt hier in der Gegend einen schwarzen Hund von dieser Größe.

Das Tier scheint sie zu beobachten. Ohne dass es ihr bewusst ist, steht Sionad auf und geht in Richtung Hügel. Sie lässt den Hund nicht aus den Augen. Als sie den Fuß des Hügels erreicht hat, wird sie plötzlich am Arm gepackt und herumgerissen.

Sionad! Sag mal, bist du taub?“ Ihr Vater steht vor ihr und schaut sie stirnrunzelnd an. Verwirrt blickt das Mädchen zurück: „Dad. Wo kommst du denn plötzlich her?“ Duncan mustert seine Tochter: „Ich habe dich bestimmt zehnmal gerufen. Wo wolltest du denn hin?“

Sionad zeigt zu dem Hügel: „Ich wollte schauen, ob der Hund ein Halsband hat. Ich kenne niemanden hier, der so einen Hund besitzt. Er ist bestimmt irgendwo weggelaufen.“ „Welcher Hund?“ fragt Duncan, „Ich beobachte dich seit fast einer halben Stunde, aber da war kein Hund!“

Das Mädchen schaut zu dem Hügel: „Aber gerade war er noch da…Ein großer schwarzer Hund. Ich habe doch gesagt, dass ich ihn hier noch nie gesehen habe.“ Duncan schüttelt den Kopf. „Mädchen, ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit dir los. Dort war kein Hund! Noch kann ich mich auf meine Augen verlassen. Komm jetzt frühstücken!“

Er legt den Arm um ihre Schulter und schieb sie sanft in Richtung Haus. „Was soll ich bloß mit dir machen Kleines?“ brummt er vor sich hin. Sionad dreht sich noch einmal zu dem Hügel um. Sie schüttelt ganz leicht den Kopf: „Dad, dort war ein Hund. Ich verstehe nicht, warum du ihn nicht gesehen hast.“

Besorgt mustert Duncan seine Tochter von der Seite, während sie nach Hause gehen: „Sag mal Kleine, was wolltest du eigentlich hier draußen um diese Uhrzeit?“ „Ich weiß nicht“, entgegnet das Mädchen leise, „Ich konnte nicht mehr schlafen und dann wollte ich nur ein bisschen zum Fluss.“

Sie haben das Haus erreicht und Duncan schließt die Tür auf. „Hinein mit dir. Ma hat das Frühstück bestimmt schon fertig.“ Während er seine Jacke auszieht und sie aufhängt, schaut er seiner Tochter besorgt nach. Was ist mit dem Kind bloß los? Seit einem halben Jahr war sie wie verwandelt. Bis dahin war sie ein ganz normaler Teenager gewesen. Immer gut gelaunt und unproblematisch. Eine gute Schülerin, obwohl sie immer mit ihren Freundinnen unterwegs war. Und dann begann sie sich zu verändern. Ihre Noten wurden immer schlechter und sie wirkte ständig abwesend. Häufig zuckte sie zusammen, wenn man sie ansprach, als käme sie aus einem Traum zurück.

Jetzt schreckt er selber aus seinen Gedanken auf, als er seine Frau hört: „Darling, kommt ihr beide endlich frühstücken? Das Rührei wird kalt!“ „Sionad! Ma wartet mit dem Frühstück!“, ruft er nach oben, bevor er die Küche betritt und seine Frau anlächelt: „Wir sind ja schon da.“

Duncan lässt sich auf seinen Stuhl fallen und nimmt sich Rührei: „Rhiannon, was ist bloß mit Sionad los? Sie lief draußen durch die Hügel und hat mein Rufen nicht gehört. Sie war doch früher nicht so. Woher kommen diese Tagträume?“

Rhiannon lächelt ihren Mann an: „Sie ist in der Pubertät. Da sind Tagträume völlig normal. Das ist nur eine vorrübergehende Phase.“ Sie stellt ihm den Kaffee hin und er will ihr gerade die Geschichte mit dem Hund erzählen, als Sionad hereinkommt. „Guten Morgen Ma.“ Das Mädchen setzt sich an den Tisch. „Morgen Schatz! Möchtest du einen Tee oder einen Kakao?“ „Lieber einen Kakao“, kommt die Antwort prompt. Rhiannon lacht: „Weshalb frage ich eigentlich noch? Die Antwort ist doch immer die Gleiche.“

Sie setzt sich mit an den Tisch und Duncan betrachtet seine Frau und seine Tochter. Das Mädchen ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. „Kleines, Ma und ich fahren nachher zum Einkaufen nach Tralee. Willst du mitkommen?“

Sionad schüttelt den Kopf: „Nein. Wir schreiben am Montag eine Mathe-Arbeit und ich muss noch üben.“ Er schaut zu seiner Frau und zuckt die Schultern: „Es wird vermutlich spät. Du kannst dir ja den Eintopf von gestern aufwärmen. Sollen wir dir etwas mitbringen?“ Wieder schüttelt sie nur den Kopf und steht auf. „Ich gehe auf mein Zimmer. Viel Spaß!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, verlässt sie die Küche.

Duncan schaut ihr kopfschüttelnd nach und wendet sich dann seiner Frau zu: „Hey Sweety, ein ganzer Tag für uns alleine. Was machen wir damit?“ Verschmitzt lächelt sie ihn an: „Einkaufen…was sonst?“ Sie beginnt den Tisch abzuräumen.

Duncan steht auf und umarmt sie von hinten: „Ich hätte da eine Menge Ideen Sweety. Weißt du was? Ich liebe dich!“ Sie dreht sich zu ihm um und schaut ihm tief in die Augen: „Ich liebe dich auch Duncan!“ Er beugt sich zu ihr herunter und küsst sie lange und zärtlich. Rhiannon genießt seine Nähe und erwidert seinen Kuss hingebungsvoll. Schließlich löst sie sich von ihm und sagt atemlos: „Darling, so kommen wir nie los. Lass mich eben den Tisch abräumen.“ Bedauernd lässt er sie los.

Kurz darauf hört Sionad, wie ihre Eltern sich verabschieden. „Bye Kleines. Bis heute Abend!“ Die Haustür fällt zu und dann ist es still im Haus.

Seufzend beugt sie sich über ihr Mathe-Buch. Immer wieder reißt sie ärgerlich Seiten aus ihrem Heft und wirft sie in den Papierkorb. Sie bekommt den Lösungsweg einfach nicht in ihren Kopf. Schließlich erhebt sie sich um das Fenster zu öffnen und schaut wie erstarrt hinaus. Da ist der Hund wieder! Sie hat das Gefühl, dass er sie beobachtet und jede ihrer Bewegungen verfolgt. Ohne zu überlegen läuft sie hinunter und zieht sich ihre Jacke an. Sie greift nach ihren Schlüsseln und verlässt das Haus.

Draußen sieht sie sich um. Ja, da steht er wieder auf dem Hügel. Langsam setzt sie sich in Bewegung. Sie kann nicht erklären, warum sie zu diesem Hund will, aber irgendetwas sagt ihr, dass es wichtig ist. Der Hund steht da und schaut ihr entgegen.

Als sie sich ihm bis auf etwa dreißig Meter genähert hat, bleibt Sionad plötzlich stehen. Das ist kein HUND! Diese Erkenntnis überkommt sie unvermittelt. Das ist ein Wolf! Aber…? Ein freilaufender Wolf hier in Irland? Wenn er aus einem Gehege entkommen wäre, hätte sicherlich etwas in der Zeitung gestanden und auch Radio und Fernsehen hätten berichtet. Das Tier scheint ihre Gedanken lesen zu können. Aufmerksam beobachtet der Wolf jede ihrer Bewegungen. Das Mädchen sieht die Augen des Tieres: dunkelbraun, mit einem bernsteinfarbenen Schimmer.

Ohne weiter zu zögern, geht sie auf das Tier zu. Sie verspürt keine Angst. Es soll so sein. Dieser Wolf spielt eine wichtige Rolle. Das Tier lässt sie bis auf wenige Schritte herankommen. Dann dreht der mächtige Wolf sich um und geht majestätisch in Richtung des Haselnuss-Haines. Sionad folgt ihm ohne zu überlegen.

Der Wolf scheint genau zu wissen, dass sie ihm folgen muss. Er könnte ohne Weiteres durch das Gebüsch verschwinden, aber es scheint, als wähle er einen Weg, dem das junge Mädchen auch ohne Probleme folgen kann.

Und Sionad weiß wohin er sie führen wird. Als er hinter einem Busch verschwindet, lächelt sie. Der einzig richtige Ort: Die heilige Quelle, aus der sie zu Beltane das Wasser holen. Als sie um die letzten Sträucher biegt, sieht sie die Quelle. Und dort sitzt er!

Wie selbstverständlich geht sie auf ihn zu und setzt sich neben ihn ohne ihn zu berühren. Es kommt ihr nicht in den Sinn, dass es gefährlich sein könnte. Sie sehen sich an und es ist, als ob ein Band zwischen ihnen existiert. Sionad spürt Wärme und Zuneigung und sie merkt, dass in ihrem Inneren Bilder auftauchen. Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Der Wolf lässt sie nicht aus den Augen. Es scheint fast, als würde er lächeln.

Das Mädchen streckt ihre Hand aus und berührt das Fell. „Cullann“, sagt sie leise, „du bist Cullann!“ In ihrem Kopf hallt seine Antwort: „Ja kleine Rose…Ich habe dich gefunden.“ Sie rückt näher an ihn heran und birgt ihr Gesicht in seinem Fell. Sie stellt sich keine Fragen, warum sie hier sitzt mit einem wilden Tier, vor dem sie normalerweise weglaufen würde. Es ist vorbestimmt, Teil ihrer Geschichte…der Geschichte, die schon seit Anbeginn der Zeit geschrieben steht im Buch der Unendlichkeit.

 

Na? Gespannt wie es weitergeht?

 

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