Nicht geplant

 

 

Sie wird wach, als es draußen allmählich zu dämmern beginnt. Wie spät mag es sein? Höchstens sieben Uhr ...

Ein Blick auf die Uhr bestätigt ihre Vermutung. Viel zu früh, um am Wochenende aufzustehen. Sie kuschelt sich tiefer unter die Decke und schließt die Augen. Aber der Schlaf will sich nicht einstellen.

Stattdessen verirren sich ihre Gedanken in die Vergangenheit. Nicht weit, nur einige Monate zurück.

 

Es war Frühling und ihr ging es, naja, wie sollte es ihr schon gehen, nachdem ihr komplettes Leben eine riesige Trümmerwüste war? In den vergangenen Jahren war ihre Welt Stück für Stück zerstört worden. Ihre Träume, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen.

Alles begann damit, dass ihr Mann starb ... einfach so.

Plötzlicher Herztod sagten die Ärzte. Aber er war ihre Welt, ihr Leben.

Die Kinder waren groß und genau jetzt hätten sie anfangen können, ihr Leben als Paar zu genießen. Das war ja bisher nur eingeschränkt möglich gewesen, weil es ihre zweite Ehe war und sie die Kinder mitgebracht hatte.

Jetzt war er tot.

Er, der ihr gezeigt hatte, dass sie fühlen konnte, dass sie vertrauen konnte, dass sie leben konnte.

Ihre erste Ehe war sie nur eingegangen, um Kinder zu bekommen. Wäre das ohne Mann möglich gewesen, hätte sie niemals geheiratet.

Damals, als ihr erster Sohn tödlich verunglückte, hatte sie begonnen, ihr Leben zu planen. Es sollte so verlaufen, wie sie es sich vorstellte. Niemand sollte jemals wieder darüber bestimmen.

Zu lange war sie dem Willen anderer ausgeliefert gewesen.

Jetzt nicht mehr! Damit war endgültig Schluss.

Sorgsam hatte sie den Vater ihrer zukünftigen Kinder ausgesucht.

Aussehen: egal. Wirtschaftliche Situation: egal. Anspruchslos und ungefährlich, das war es, was zählte.

Er war viel älter als sie, aber auch das spielte keine Rolle. Er stellte im Bett keine Ansprüche und er tat ihr nicht weh.

Das genügte ihr, um die Ehe einzugehen. Und sie bekam ihre Kinder.

Überhaupt waren die Kinder die einzigen Menschen, denen sie Gefühle entgegenbringen konnte. Dafür lebte sie: für die Kinder.

Und dann lernte sie auf der Arbeit ihren zweiten Mann kennen. Vom ersten Moment an spürte sie eine tiefe Bindung zu ihm und eine unglaubliche Sympathie.

Aber zu tief saßen die Ängste in ihr, zu groß war das Misstrauen.

So blieben Gespräche.

Sie arbeitete in einem Lokal und er kam jedes Wochenende. Sie sprachen und diskutierten stundenlang, wenn es in dem Lokal ruhig war.

Nach dem ersten Jahr begann er sie einzuladen, aber sie lehnte ab. Sie mochte ihn, aber sie blieb wachsam.

Vier Jahre vergingen, in denen er sie umwarb, ohne sie zu bedrängen.

Irgendwann musste sie sich eingestehen, dass ihre Gefühle für ihn längst weit über Sympathie hinausgingen.

Ihre Ehe war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert. Sie reichte die Scheidung ein und erst dann war sie bereit, sich mit ihm zu verabreden.

Die ersten Treffen fanden in der Öffentlichkeit statt. Langsam und vorsichtig, wie Teenager, kamen sie sich näher.

Ihre erste gemeinsame Nacht war eine Offenbarung für sie. Weder Schmerzen noch Gleichgültigkeit.

Er entfachte Gefühle in ihr, von denen sie nicht einmal ahnte, dass sie sie besaß.

Er war ihre große Liebe. Er durchlebte mit ihr ihre Albträume, er tröstete sie, wenn sie panisch und schweißgebadet aus dem Schlaf hoch schreckte.

Und er lehrte sie zu leben.

Und dann war er tot. 14 Jahre, davon 9 als Ehepaar, mehr war ihnen nicht vergönnt.

Das Einzige, was sie davon abhielt ihm zu folgen, war ihr Enkelkind. Dafür machte sie weiter.

Aber es kam, wie es kommen musste. Ihre Tochter zog mit dem Kind aus. Überraschend, unerwartet und zu einem Zeitpunkt, an dem sie selber gerade in der nächsten Krise steckte.

Diagnose: Gebärmutterkrebs.

Bewusst hatte sie den Kindern nichts davon gesagt. Im Urlaub hatte sie die OP durchführen lassen. Sie wollte kein Mitleid.

Als sie nach Hause kam, war ihre Tochter mit dem Kind ausgezogen. Jetzt sah sie erst recht keinen Grund etwas zu erzählen. Es war alles egal, im Grunde genommen völlig sinnlos.

Die Diagnose Knochenkrebs bei der Nachuntersuchung erschien ihr da nur natürlich.

Sie hatte ihren Anteil an Glück im Leben gehabt. Jetzt ging es lediglich noch darum, ihm folgen zu können.

Denn daran gab es für sie keinerlei Zweifel:

Sie würden sich in einem anderen Leben wiedersehen.

Weihnachten verbrachte sie alleine, mit viel Whiskey und Schlaftabletten. Sie sorgte dafür, dass die Betäubung immer ausreichte, um nicht denken zu müssen.

Im neuen Jahr begann sie mit der Chemo. Die Ärzte hatten ihr erklärt, dass der Krebs nicht heilbar wäre, aber mit Chemo zumindest soweit einzudämmen, dass sie noch viele Jahre damit leben könnte.

Allerdings war da auch die Aussage: Rollstuhl. Ihr schlimmster Albtraum: Hilflos auf andere angewiesen zu sein.

NEIN, das wollte sie nicht!

Sie würde alles tun, um das zu verhindern. Also begann sie wieder zu planen.

Eine Patientenverfügung schied aus, weil sie im Zweifelsfall von Verwandten ersten Grades außer Kraft gesetzt werden konnte und einer ihrer Söhne hatte sich bei diesem Thema schon einmal eindeutig gegen ihren erklärten Willen gestellt:

Wenn es jemals zu so einer Situation kommt, entscheide ich“, hatte er gesagt, „Und ich werde niemanden sterben lassen.“

Das wiederum bedeutete, dass sie dafür sorgen musste, dass niemand eine Chance bekam, Einfluss zu nehmen.

Die Chemo schlug zunächst gut an, obwohl sie sich für eine noch nicht erprobte, amerikanische Therapie entschied.

Ihr Leben normalisierte sich.

Sie ging arbeiten und begann Stück für Stück ihren Plan nach Irland aus zuwandern, in Angriff zu nehmen.

Umso härter traf sie das Ergebnis einer erneuten Untersuchung. „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich Ihre Werte extrem verschlechtert haben.“

Sie weiß bis heute nicht, was dann passiert ist.

Ihre Erinnerung setzte erst Tage später wieder ein. Plötzlich waren da Wärme, Geborgenheit und Schutz. Das Gefühl sich einfach fallenlassen zu können.

Da war jemand, der sie umsorgte. Der sie fütterte, wusch und sie im Schlaf sanft umfangen hielt.

Es war kein Fremder, aber es dauerte fast eine Woche, bis sie realisierte, wer es war.

Ein Freund aus ihrer Jugend, tröstlich vertraut, ein Bollwerk gegen die Welt, wie damals schon.

Sie fragte nicht, woher er kam und warum er da war. Sie nahm es hin, es schien alles so selbstverständlich.

Er stellte keine Fragen. Er gab ihr die Nähe und Geborgenheit, die sie brauchte. Auch in den nächsten Tagen gab er sich mit dem zufrieden, was sie von sich aus erzählte.

Nach und nach fand sie wieder zu sich und er blieb. Sie wusste schon lange, dass er sie liebte. Er hatte ihr damals einen Heiratsantrag gemacht, aber sie wollte keinen Freund verlieren.

Eine Ehe mit ihm passte nicht in ihren Lebensplan. Sie wollte damals keine Gefühle, nur Kinder.

Sie wollte ihn auch nicht verletzen, deshalb ging das einfach nicht.

Und er ließ sie gehen. Er verschwand nie ganz aus ihrem Leben. Immer wenn sie Hilfe brauchte, war er da, um sich dann wieder zurückzuziehen.

Nach einiger Zeit begann sie wieder im Internet zu schreiben. Er saß auf dem Sofa und sah ihr zu.

Plötzlich drehte sie sich zu ihm um. „Eigentlich wäre es die perfekte Lösung, wenn wir heiraten würden.“

Verblüfft schüttelte er den Kopf. „Immer langsam Lütte. Erhole dich erstmal und fahr in den Urlaub. Wie stellst du dir das überhaupt vor?“

Aufmerksam sah sie ihn an. „Keine normale Ehe. Ich meine ... naja. Wir heiraten. Jeder behält seinen Namen und wir leben auch nicht zusammen. Wir machen einen Ehevertrag und dann kannst du entscheiden, was die Ärzte machen, wenn es bei mir mal soweit ist. Als Ehemann hast du mehr Rechte, als die Kinder. Es war ja nur so eine Idee“, setzte sie kleinlaut hinzu.

Langsam stand er auf und kam zu ihr.

Ach mien Deern, so was will gut überlegt sein. Ich glaube nicht, dass du weißt, was du mir da vorschlägst. Lass mal ein bisschen Zeit vergehen. Wir müssen ja nichts übers Knie brechen.“

Das Thema wurde in den nächsten Tagen nicht mehr angesprochen, aber die Idee hatte sich bei ihr festgesetzt. Eine Ehe mit ihm wäre die perfekte Lösung. Vorsichtig fragte sie nach einigen Tagen nochmal nach, als sie abends im Bett in seinen Arm gekuschelt lag.

Oder willst du mich gar nicht? Hast du eine Freundin?“

Er drückte sie an sich.

Nein, ich habe keine Freundin. Aber wie stellst du dir das denn vor? Nur heiraten, nur den rechtlichen Status? Und dann lebt jeder von uns so weiter wie bisher?“

Ja“, sagte sie leise, „Ohne Verpflichtungen. Du kannst dein Leben weiter so führen, wie du es möchtest. Wir machen einen Ehevertrag. Wir bleiben Freunde. Ich, ich will dein Geld nicht. Es ist doch nur, wenn ich mal nicht mehr selber entscheiden kann. Aber es ist OK, wenn du mich nicht heiraten willst.“

Sieh mich mal an Lütte“, sagte er sanft.

Ich dich nicht wollen? Ich will dich seit 27 Jahren und ich heirate dich sogar zu deinen Bedingungen. Es ist mir egal, ob du von meinem Geld lebst.“

Heftig schüttelte sie den Kopf.

Nein, ich kann für mich alleine sorgen!“

Das weiß ich! Aber du bist jetzt nicht dran“, unterbrach er sie. „Es wäre mir aber egal. Ich glaube, ich könnte dich gerade noch so ernähren. Aber was ist, wenn du dich in jemand anderen verliebst? Wie stellst du dir das vor?“

Das wird nicht passieren“, erklärte sie überzeugt, „Ich habe geliebt und es nichts mehr da für einen Anderen. Ich kann nicht mehr lieben, das ist mit ihm gestorben.“

Das glaube ich nicht Lütte. Du brauchst nur Zeit."

Also heiratest du mich nicht?“

Du willst mich nicht verstehen, oder? Ich will dich doch nur vor einer Riesen-Dummheit bewahren.“

Sie drehte ihm den Rücken zu und zog die Decke fester um sich.

Ich weiß, was ich mache! Aber es ist schon gut. Ich überlege mir etwas anderes.“

Man hörte ihn tief durchatmen.

Ich glaube, davor habe ich noch mehr Angst. Wenn du es möchtest, dann heiraten wir eben. Und jetzt versuch zu schlafen.“

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