SHIRIN (Die Macht der Eule)

Shirin

  1. Die Prophezeiung

 

Es ist eine stürmische Nacht. Eigentlich Vollmond, aber es regnet in Strömen und Wolken verdecken den Mond.
Die Wagen der Satra(Familie) stehen an einer Felswand im Schutz der Bäume.
Unruhig läuft Vadim in einem Wagen hin und her. Er ist der Sero, der Fürst, der Familie. Im Moment ist von seiner sonst so überlegten, ruhigen Art allerdings wenig zu spüren. Er verflucht sich selbst. Warum hat er nur auf seine Frau und Raluca gehört? Rilana hat ihn irgendwie überzeugt, dass sie dieses Tal erreichen müssen und die Puri Daj hat sie unterstützt.
Auch ein Sero widersprach der weisen Frau nicht so einfach. Und nun liegt Rilana in dem Wagen nebenan in den Wehen. Es würde noch Tage dauern, bevor der Rest der Satra hier auftauchen würde.
Trotz des Sturmes kann er das Stöhnen seiner Frau hören. Seit dem Morgen liegt sie in den Wehen und es geht nicht voran. Vadim wird trotz seiner vierzig Jahre das erste Mal Vater. Rilana hat bisher alle Kinder verloren. Natürlich hofft er auf einen Sohn. Die Lovara brauchten Söhne. Eine Frau ist im Pferdehandel undenkbar.
Erstaunt hebt er den Kopf. Ihm ist etwas aufgefallen.
Der Sturm hat aufgehört … von einer Minute auf die andere. Ungläubig öffnet Vadim die Tür des Wagens und sieht hinaus
Hell steht der Vollmond am Himmel und nicht ein Lüftchen bewegt sich. Er fährt zusammen, als der Schrei einer Eule erklingt. Und im gleichen Moment ist das Weinen eines Kindes zu vernehmen….
Ein Lächeln gleitet über sein kantiges Gesicht, bevor er sich wieder in den Wagen zurückzieht. Er darf jetzt nicht zu Rilana. Sie werden ihn holen, wenn es soweit ist. Und selbst dann wird er seine Frau nur kurz sehen. Die nächsten Wochen ist sie tabu, unrein…
Seine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Es dauert fast zwei Stunden, bevor eine der Frauen kommt, um ihn zu holen.

Zu seinem Erstaunen sitzt Raluca, die Puri Daj, mit dem Kind auf dem Arm in dem Wagen. Er schaut kurz zu seiner Frau und lächelt ihr liebevoll zu. Die Tradition verlangt, dass er sich erst sein Kind ansieht.
Langsam geht er zu Raluca. Er kann seinen Blick nicht abwenden. Pechschwarze Haare, aber was ihn mehr in den Bann zieht, sind die Augen….Fast genauso schwarz wie die Haare, aber dieser Blick….er wirkt uralt und wissend….
„Vadim, du hast eine gesunde Tochter“, sagt Raluca ohne ihn aus den Augen zu lassen. Die Enttäuschung ist ihm wohl anzusehen. Wortlos dreht Raluca das Kind um, sodass er den Rücken sehen kann.
Ungläubig weiten sich seine Augen. Er sieht Raluca an. Lächelnd nickt sie: „Das Zeichen der Eule! Deine Tochter braucht einen Namen und du solltest sie anerkennen.“
Wortlos nimmt er ihr den nackten Säugling ab. Seine Hände zittern und er sieht noch einmal in diese unglaublichen Augen. Dann tritt er mit dem Kind hinaus. Die komplette Satra hat sich vor dem Wagen versammelt.
Vadim schaut in die Runde. Er ist sich darüber im Klaren, dass alle gespannt warten, was er zu verkünden hat. Lächelnd hebt er das Mädchen über seinen Kopf.
„Hiermit stelle ich euch meine Tochter Shirin vor! Shirin, Tochter von Vadim und Rilana! Heißt sie in der Satra willkommen!“
Genau in diesem Moment ertönt wieder der Schrei einer Eule. Ungläubiges Gemurmel ist zu hören, bevor ein Willkommenslied für Shirin angestimmt wird.

 

***

Hunderte von Kilometern entfernt hebt Rodica den Kopf und lauscht. Ein wissendes Lächeln gleitet über das Gesicht der alten Frau. Zufrieden überlässt sie sich wieder dem Schlaf.

Am Morgen tritt sie gutgelaunt aus dem einzelnen Wagen, der unter dichten Eichen an der Felswand eines Talkessels steht. Rodica versorgt das Pferd und sieht nach den Hühnern, bevor sie das Morgenmahl vorbereitet.
Sie hat sich vor vielen Jahren in die Einsamkeit zurückgezogen. Der Grund dafür ist vierzehn Jahre alt und streckt sich gerade gähnend in der Tür des Wagens.

Nach dem Essen verkündet sie: „ Zoran, wir müssen morgen packen. Es wird Zeit, dass du etwas lernst und die Welt siehst.“

Der Junge hebt den Kopf und sieht sie an. Auch nach all den Jahren verblüffen sie seine Augen. Wolfsaugen, bernsteinfarben und wachsam.
„Ich habe heute Nacht etwas gespürt ...“, sagt er.

Ich weiß.“

Er spürt, dass diese lakonische Antwort alles ist, was er erhalten würde.

Wohin zuerst?“, fragt er resigniert.

Rodica überlegt kurz.

Mit den Lovara bist du vertraut. Ich denke, wir fangen mit den Korbflechtern an. Die Sepecides werden dich am Schnellsten akzeptieren. Fünf Jahre werden wir dort bleiben. Dann geht es weiter zu den Curaca. Siebmacher ist ein ehrbarer Beruf und eine gute Grundlage für die Kalderara, die Kesselflicker. Und dann dürftest du bereit sein.“

Rodica ignoriert den Blick des Jungen, der fragend auf ihr ruht.

Gedankenverloren schaut sie über das Tal und murmelt: „Es hat begonnen ...“

 

***

Vadim trägt seine Tochter wieder in den Wagen und übergibt sie den Frauen. Er weiß, dass Raluca mit ihm reden will. Bittend sieht er sie an.

Gib mir noch einen Moment mit Rilana“, raunt er ihr zu.

Raluca wendet sich an die Frauen: „Nehmt Shirin mit, es muss einiges erledigt werden.“

Die Frauen verlassen den Wagen mit dem Kind und einem großen Korb. Raluca hat ihnen schon vorher gesagt, wohin sie den Korb bringen sollen. Der Korb enthält die Nachgeburt und die blutigen Tücher. Morgen bei Sonnenaufgang wird sie diese Sachen mit den Frauen an einem versteckten Ort vergraben und die überlieferten Worte sprechen, um das Kind zu schützen.
Nur ihre Autorität als weise Frau verhindert Gerede, als sie den Wagen jetzt ebenfalls verlässt. Es ist nicht üblich, dass ein Mann alleine bei seiner Frau bleiben darf, wenn sie gerade entbunden hat. Aber was ist bei Vadim und Rilana schon üblich? Sie haben aus Liebe geheiratet, gegen den Willen ihrer Eltern. Und obwohl er fünfzehn Jahre auf ein Kind warten musste, hat Vadim Rilana nicht verstoßen. Und jetzt dieses Mädchen …

Vadim hat einen ungewöhnlichen Namen ausgesucht. Es ist kein Roma-Name. Raluca ist gespannt auf seine Erklärung dafür.


Kaum hat sich die Tür hinter den Frauen geschlossen, eilt Vadim zum Bett seiner Frau. „Liebling wie geht es dir?“

Rilana sieht ihn nicht an.

Es ist kein Junge Vadim. Es tut mir leid!“

Er ergreift ihre Hände.

Das ist mir egal Rilana. Sie ist ein wunderschönes kleines Mädchen. Sie heißt Shirin. Aber es ist viel wichtiger, wie es dir geht. Sag doch was!“
Mit Tränen in den Augen sieht sie ihn endlich an. „Mir geht es gut Vadim. Ich liebe dich. Aber ich hätte dir so gerne einen Sohn geschenkt.“
Vadim zieht sie in seinen Arm.

Rilana, wir haben ein Kind, ein gesundes, lebendes Kind. Du hast mir, nein, du hast uns allen etwas ganz Besonderes geschenkt. Unsere Tochter trägt das Mal der Eule!“

Bist du sicher?“ Rilana klingt ungläubig.

Er lächelt.

Ja, ich bin sicher. Sie trägt das Zeichen der Eule auf dem rechten Schulterblatt. Und heute Nacht habe ich schon zweimal eine Eule gehört. Liebling, Raluca war nicht umsonst hier. Sie kommt sonst nie zu Entbindungen.“
Plötzlich unterbricht er sich und sieht sie aufmerksam an.

Gefällt dir der Name, den ich unserer Tochter gegeben habe? Er bedeutet Süß. Als sie mich so angesehen hat, war er plötzlich in meinem Kopf.“
Rilana lächelt ihn an. „Der Name ist wunderschön!“

Vadim küsst sie.

Ich muss jetzt gehen. Es gibt schon genug Gerede. Ich liebe dich und ich bin stolz auf dich. Versuch zu schlafen Liebling. Ich schicke die Frauen mit Shirin wieder her.“
Noch einmal küsst er sie zärtlich. Rilana hat die Augen schon geschlossen, als er den Wagen verlässt und die Tür leise hinter sich schließt.
Draußen atmet er erstmal tief durch. Er hat eine Tochter! Er freut sich darüber, aber es macht ihm auch Angst. Shirin ist kein normales Kind. Sie wird nie wie andere Kinder sein. Ihre Erziehung bedeutet eine große Verantwortung. Es muss soviel beachtet werden. Wo kann sie ungefährdet aufwachsen? Niemand darf herausfinden, wer sie ist, bevor die Zeit gekommen ist.
Vadim ist ein Mann, vor dem jeder Respekt hat. Er hat sich seine Stellung hart erkämpfen müssen. Unzählige Narben an seinem Körper künden davon. Zum ersten Mal in seinem Leben fragt er sich, ob er einer solchen Verantwortung gewachsen ist.
Langsam geht er hinüber zu dem Wagen von Raluca. Sie wird ihm helfen. Wenn jemand weiß, was zu tun ist, dann sie.

Die weise Frau der Satra, die gleichzeitig seine Großmutter ist, würde ihm helfen, die Leute auf den Schutz von Shirin einzuschwören. Ab heute gibt es für die Satra nur noch eine Aufgabe:
Shirin muss geschützt werden….egal was es kostet. 

Als Vadim den Wagen betritt, schickt Raluca die Frauen mit dem Kind hinaus. Sie fordert ihn auf Platz zu nehmen, und schiebt ihm einen Becher gegorene Stutenmilch rüber. Nachdenklich mustert sie den Mann.

Was denkst du Vadim?“

Vadim lässt sich mit dem Antworten Zeit. Er trinkt einen Schluck Stutenmilch und beobachtet das Flackern der Kerzen. Dann schaut er sie an.
„Ich freue mich über Shirin. Natürlich hätte ich gerne einen Sohn gehabt, aber es sollte wohl nicht sein. Jetzt habe ich ein ganz besonderes kleines Mädchen….“

Vadim verstummt und sieht wieder in die Flammen. Raluca gibt ihm Zeit seine Gedanken zu ordnen. Nach einer ganzen Weile sieht er sie wieder an.
„Ich hatte noch nie Angst. Aber jetzt habe ich Angst. Angst um Shirin, Angst um Rilana und um die Satra. Sollte die Vorhersage zutreffen, wird es eine Menge Leute geben, die versuchen werden, das zu verhindern. Was machen wir jetzt Raluca?“
Die alte Frau lehnt sich in die Kissen zurück. Sie hat Vadim also richtig eingeschätzt. Der Sero hat die Bedeutung dessen, was heute geschehen ist, richtig erfasst. 
„Vadim, du wirst deinen Sohn noch bekommen“, sie schmunzelt, als sie das Leuchten in seinen Augen sieht. Bedächtig fährt sie fort.
„Aber du hast recht. Wir werden ab jetzt immer in Gefahr sein, solange, bis sich die Prophezeiung erfüllt. Und sie kann sich nur erfüllen, wenn Shirin in Frieden aufwächst. Ich fürchte viele Roma haben ihre Ankunft gespürt, aber noch niemand weiß, wo sie ist. Du musst morgen alle zusammenrufen und ihnen erklären, worum es geht. Wenn die anderen Wagen eintreffen, ziehen wir weiter. Es gibt es einen Ort, an dem wir bleiben können. Von dort aus sind die anderen Satras problemlos zu erreichen und Platz für die Pferde gibt es auch. Wir werden Rilana als Grund vorschieben. Sie braucht nach der schweren Geburt Ruhe. Alle wissen, dass du sie abgöttisch liebst und deshalb wird das erst einmal als Begründung ausreichen. Deine Tochter muss immer so bekleidet sein, dass man das Zeichen nicht sieht. Mit ein wenig Glück gelingt es mir im Laufe der Zeit, es soweit aufzuhellen, dass es zumindest nicht sofort auffällt. Und noch etwas Vadim: Du solltest den Göttern danken für das Vertrauen, das sie in dich setzen. Ich weiß, es ist eine große Verantwortung, aber vergiss nie, war daraus entstehen kann…“
„Ich weiß, aber es wird nicht einfach. Was meinst du, wie viele es gespürt haben?“

Raluca runzelt nachdenklich die Stirn.

Alle, die mit den alten Göttern verbunden sind. Du weißt so gut wie ich, dass die Wenigsten aus Überzeugung Christen geworden sind. Viele nur deshalb, weil sie so ruhiger leben können und einige, weil sie sich Vorteile und Macht davon versprechen. Und genau die sind gefährlich. Das sind diejenigen, die die Prophezeiung verhindern wollen.“
Plötzlich lächelt Raluca.

Wir haben einen entscheidenden Vorteil: Du hast dich so häufig gegen die Traditionen -und somit gegen die Götter- gestellt, dass niemand so schnell auf die Idee kommen dürfte, du könntest der Vater der Eule sein. Das ist unsere Chance. Zieh Shirin so auf, wie niemand eine Tochter aufziehen würde. Steck sie in Hosen, lass sie jagen und kämpfen. Alle werden sich aufregen, aber jeder wird nur sehen, dass du ein Aufrührer bist und nicht weiterforschen.“
Vadim erhebt sich.

Ach Bunica, was würde ich ohne dich bloß machen?“
„Das Gleiche wie jetzt, mein Junge. Dafür hat dein Vater dich erzogen und ich habe ihn erzogen. Und jetzt werden wir gemeinsam meine Urenkelin erziehen. Geh schlafen Vadim. Du wirst in nächster Zeit all deine Kraft brauchen.“

Am nächsten Tag beruft Vadim eine Versammlung ein. Fast dreißig Männer und Frauen haben sich um das große Feuer versammelt.

Die Kleidung der Leute wird von Grün- und Brauntönen bestimmt. Hin und wieder entdeckt man auch ein graues Kleidungsstück. Sie passen sich dem Land und ihrer Umgebung an. Lediglich zu Feiern wird bunte Kleidung bevorzugt.

Prüfend blickt der Sero in die Runde. Als er sich erhebt, verstummt das Gemurmel schlagartig. Er hört noch, wie gesagt wird: „Das Mal der Eule“, dann ist es still. Alle Augen hängen wie gebannt an ihm. Leise aber deutlich beginnt er, zu sprechen.
„Danke, dass ihr alle erschienen seid. Ich nehme an, dass jeder von euch inzwischen weiß, dass ich Vater einer ganz besonderen Tochter geworden bin. Ja … Shirin trägt das Mal der Eule. Damit sind wir ab jetzt in ständiger Gefahr, denn es gibt Menschen, die versuchen werden zu verhindern, dass die Prophezeiung sich erfüllt. Sie werden in erster Linie versuchen, Shirin zu töten, aber ich glaube nicht, dass sie Mitwisser am Leben lassen.“
Bevor er weitersprechen kann, steht Raluca neben ihm. Die Puri Daj trägt ihre Festtagskleidung. Sie hebt ihre Arme, und als es still wird, fängt sie mit erstaunlich voller Stimme an, das Lied der Prophezeiung vorzutragen:

 

Ihr Roma und Sinti, gebt alle Acht
Noch halten die Götter über uns Wacht
Sie schützen die Ernte, die Menschen, das Vieh
Doch folgt eine Zeit, da vergessen wir sie
Wir werden gespalten, gejagt und vertrieben
Egal wo wir hingehn, nirgends herrscht Frieden.
Nur Neid und Hass brennen wie Glut
Letztendlich fließt zwischen Brüdern das Blut.
Das Volk wird verstreut, in alle Winde
Dann liegt unsre Hoffnung allein in dem Kinde
Wir werden die Zeichen deutlich sehn
Und hoffentlich die Bedeutung verstehn
Der Wolf wird kämpfen, mit all seiner Kraft
Doch trägt die Eule die wahre Macht
Denn sollte der Wolf die Eule küssen.
Fremde Götter weichen müssen
Nehmt an die Beiden … und steht ihnen bei
Dann endlich sind Roma und Sinti frei!

 

Raluca lässt die Worte wirken, bevor sie weiterspricht.

So lautet die Prophezeiung. Geschrieben vor fast 400 Jahren. Was jetzt geschieht, liegt an uns. Wollen wir weiterhin so leben, wie wir es jetzt tun? In der Welt zerstreut, nirgendwo zuhause, bestenfalls geduldet? Oder wollen wir versuchen, das Volk der Roma und Sinti wieder zu vereinen? Wollen wir eine Zukunft ermöglichen, in der unsere Kinder so frei aufwachsen, wie sie geboren werden? Eine Zukunft ohne Verfolgung, in der wir endlich wieder das zeigen dürfen, was wir sind. Nämlich, das stolze Volk der Roma und Sinti! Ich sage nicht, dass es einfach sein wird. Im Gegenteil, wir alle leben ab jetzt in großer Gefahr, bis die Eule den Wolf trifft. Aber es liegt in unserer Macht, diese Prophezeiung Wirklichkeit werden zu lassen.“
Sie tritt aus dem Feuerschein heraus und flüstert Vadim noch leise zu: „Ich habe getan, was ich tun konnte. Jetzt ist es an dir Vadim!“

Dankbar lächelt er ihr zu, bevor er sich wieder an die Satra wendet.
„Ihr wisst jetzt alle, worum es geht. Jeder von euch muss für sich selbst entscheiden, ob er das Risiko eingeht und hier bei uns bleibt oder ob er uns verlassen will. Nur um eines bitte ich diejenigen, die gehen möchten: Erzählt niemandem, dass das Kind mit dem Zeichen der Eule hier bei uns lebt. Das ist alles, was ich verlange!“
Damit dreht er sich um und setzt sich abseits des Feuers im Schneidersitz auf den Boden. Er beobachtet seine Leute, ohne sie wirklich zu sehen. Es gibt einfach zu viele Dinge, über die er sich Gedanken machen muss. Dankbar nimmt er den Becher Stutenmilch entgegen, der ihm von einer der Frauen gereicht wird.
„Sero, Rilana bittet dich, nachher zu ihr zu kommen.“

Niksa sag ihr bitte, ich komme heute Abend mit Raluca.“
Die Frau eilt mit wehendem Rock in Richtung Wagen. Vadim schaut ihr nach und lächelt unwillkürlich bei dem Gedanken an seine Frau.

Er vermisst die Gespräche mit ihr, denn Rilana hilft ihm immer dabei, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Leider darf er in den nächsten acht Wochen nicht mit ihr alleine sein. Nur in Gesellschaft und nur auf Distanz dürfen sie sich sehen. Dabei würde Vadim es gerade jetzt schön finden, wenn sie abends im Bett aneinander gekuschelt die Probleme besprechen könnten.

Schon häufig hat sie ihn mit ihrer weiblichen Sicht der Dinge verblüfft. Im Laufe der Jahre haben sich ihre Vorschläge fast immer als richtig erwiesen. Sie ist sein wichtigster Ratgeber geworden, auch wenn das kaum jemand wissen durfte. Gerade jetzt fehlen ihm ihre Nähe und ihre ruhige, überlegte Art schmerzlich.

Als ein Schatten auf ihn fällt, blickt Vadim auf. Vor ihm stehen die Männer der Satra. Er fordert sie mit einer Geste zum Hinsetzen auf.

Als alle sitzen, ergreift Mihai das Wort. „Sero, wir haben uns beraten. Niemand wird gehen. Du führst uns seit vielen Jahren und es geht uns gut. Jeder hier wird Shirin schützen. Wir sehen das nicht als Pflicht, nein, es ist uns sogar eine Ehre. Wir haben noch etwas beschlossen: Wenn die anderen Wagen hier sind, werden wir einen Eid schwören. Auf die alten Götter und auf Shirin!“
Dankbar schaut Vadim in die Runde: seine Satra! Obwohl sie seine Entscheidungen in der Vergangenheit nicht immer nachvollziehen konnten, haben sie doch immer hinter ihm gestanden. In ihm machen sich Stolz und Hoffnung breit. Gemeinsam können sie es schaffen!
Die Männer sitzen noch lange zusammen und langsam wendet sich das Gespräch wieder dem Alltäglichen zu. Als Vadim schließlich aufsteht, um zu Raluca zu gehen, erfüllt ihn ein Gefühl von Wärme und Zufriedenheit.
Raluca bittet ihn in den Wagen.

Wie ist es gelaufen mein Junge?“
„Sie wollen einen Eid auf die alten Götter und Shirin schwören. Alle!“

Die Erleichterung ist ihm deutlich anzuhören. Auch Raluca wirkt befreit.
„Dann werden wir an unserem neuen Wohnort einiges zu tun haben.“
Vadim lässt sich in die Kissen fallen.

Sag mal Bunica, wo ziehen wir denn eigentlich hin? Und wem gehört das Land?“
Ralucas Miene wird schlagartig ernst.

Was ich dir jetzt erzähle, darfst du niemals verraten! Zwei Tagesreisen von hier liegt ein Tal. Dieses Tal gehört uns. Es ist über Mittelsmänner gekauft worden. Wir haben mehrere solcher Orte als Zuflucht hier in den Apenusi. Einige gehören uns seit den Zeiten, in denen Subotai hier noch herrschte. Zu Zeiten der Goldenen Horde hatten wir noch das Recht Land zu besitzen. Nicht alles hat man uns wieder genommen. Einige Orte konnten wir retten, indem wir sie Freunden überließen. Die Ältesten verschiedener Satras, die den Göttern nahestehen, haben direkt nach der Geburt des Wolfes dafür gesorgt, dass diese Orte sicher sind. Wir haben jetzt die Verantwortung für die Eule und müssen sie vielleicht irgendwann in Sicherheit bringen. Dann solltest du wissen, wohin du kannst.“

Sie schmunzelt, als sie sein verblüfftes Gesicht sieht.

Junge, es gibt einiges, was du nicht weißt. Diese Geheimnisse sind für unser Volk überlebenswichtig und werden gut gehütet. Möchtest du zu deiner Frau und deiner Tochter?“
Vadim erhebt sich und strahlt sie an.

Ich hoffe, dass die acht Wochen schnell vorbei gehen. Ich vermisse Rilana!“
Gemeinsam gehen sie zu dem Wagen. Wortlos verlassen die anderen Frauen den Wagen. Raluca nimmt das Kind und setzt sich in die Kissen.
„Geh zu ihr und lass den Vorhang runter“, sagt sie, „du weißt doch, dass man in meinem Alter schlecht sieht und noch schlechter hört. Ihr habt Zeit, bis eure Tochter Hunger hat!“
Spontan umarmt Vadim seine Großmutter, bevor er zu seiner Frau eilt. Er lässt die Vorhänge herunter und beugt sich dann über sie, um sie zu küssen. „Liebling, wie geht es dir?“

Besorgt stellt er fest, dass sie immer noch sehr schwach aussieht.
„Vadim, mir geht es gut. Ich bin nur müde. Ich habe heute Nacht kaum geschlafen, weil ich überlegen musste, was das alles jetzt für uns bedeutet.“
Vadim setzt sich aufs Bett und streicht ihr über das Haar.

Mach dir keine Sorgen Rilana. Alle wollen uns helfen, die ganze Satra!“ Leise erzählt er ihr, was die Männer beschlossen haben. Erleichtert hört er sie lachen. Er liebt ihr Lachen, es ist so voll Leben.
„Die Frauen wollen Shirin auch besonders segnen. Raluca hat versprochen eine Zeremonie abzuhalten, wenn die acht Wochen um sind. Alle wollen unsere Tochter schützen. Ich bin so stolz auf unsere Satra.“
Vadim zieht sie in seinen Arm. „Ich auch Liebling. Was meinst du, soll ich unsere Tochter einen Moment mit herholen?“

Rilana genießt seine Nähe und nickt nur lächelnd. Wenige Augenblicke später ist Vadim mit Shirin auf dem Arm wieder bei ihr.
„Sie schaut mich an, als ob sie jedes Wort versteht“, sagt er erstaunt, „Ihre Augen wirken so….alt, so weise. Wie kann es sein, dass sie unser Kind ist?“
„Ich weiß es nicht“, meint Rilana unsicher, „Es ist eine große Ehre so ein besonderes Kind zu haben, aber es macht mir auch ein wenig Angst. Was meinst du Vadim? Wussten die Götter, dass wir eine besondere Satra sind? Ich danke ihnen täglich, dass du mich damals gefunden hast. Langsam habe ich das Gefühl, dass alles vorbestimmt ist!“
Vadim blickt auf seine Tochter und ein Lächeln gleitet über sein Gesicht, als er sich an ihre erste Begegnung zurückerinnert ...

***

Nach einem heftigen Streit mit seinem Vater hatte er sich wütend sein Pferd geholt und ist in wildem Galopp aus dem Lager geprescht. Fast eine Stunde lang in halsbrecherischem Tempo durch die Hügel. 
Verdammt, wie konnte sein Vater zulassen, dass man ihnen die Pferde einfach wegnahm? Er hatte einfach danebengestanden und zugeschaut. Vadim war wütend. Seit vielen Jahren zogen sie regelmäßig durch dieses Gebiet und plötzlich sollten sie Pferde als Abgabe an die Kirche zahlen, weil sie angeblich große Schäden verursachten.
Seine Sippe lebte mit der Natur und achtete sie. Sie hinterließen keinen Müll, auch nicht an den Lagerplätzen. Jeder Unrat wurde vergraben und es wurde immer darauf geachtet, dass nach spätestens zwei Tagen nichts mehr von ihrem Aufenthalt zu sehen war.
Und dieser dicke, stinkende Priester erzählte was von Schäden! Und dann dieses schmierige Grinsen, als er anmerkte, dass die Sippe sich nur zum Christentum bekennen müsse, dann würden sie nur die Hälfte als Abgabe entrichten müssen.

Niemals würde er zum Christentum übertreten! Er wollte im nächsten Jahr eine andere Route nehmen mit seinem Anteil der Herde. Egal, was sein Vater beschloss!
Er verstand seinen Vater nicht. Warum nahm er das einfach so hin?

Erst seit die Christen hier wieder herrschten, wurden sie mit solchen Abgaben belegt.

Vorher waren die Tataren hier, ein Reitervolk. Auch sie hatten mit harter Hand regiert, aber sie hatten die Sippen nie ausgeraubt. Die Abgaben wurden einmal im Jahr entrichtet und dann ließ man sie in Ruhe.

Mit den Tataren machten sie auch Geschäfte. Sie tauschten Pferde und teilten sich die Weideplätze.

Er wünschte sich, dass die Tataren zurückkämen, aber nur kleine Verbände von ihnen ließen sich hier noch sehen. Unter ihnen hatte er auch ein paar Freunde.
Plötzlich erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Wachsam schaute er sich um und lauschte, dann lenkte er sein Pferd in Richtung eines Wäldchens, aus dem Geräusche eines Streites kamen.

Normalerweise hielt er sich von so etwas fern, aber es hörte sich an, als wäre ein Mädchen in Schwierigkeiten. Als er den Waldrand erreichte, sprang er geschmeidig aus dem Sattel und folgte den Stimmen. Abrupt blieb er stehen.

Auf einer Lichtung stand das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte: lange schwarze Haare und blitzende Augen!
Ganz offensichtlich eine Roma und in Schwierigkeiten, denn ihr gegenüber standen drei junge Männer, die sie mit einem Dolch auf Abstand hielt. Ihre Bluse war zerrissen, aber sie hatte es ihren Angreifern anscheinend nicht leicht gemacht, denn diese trugen deutliche Kratz-und Schnittwunden in den Gesichtern.
„Du kleine Zigeuner-Schlampe“, hörte Vadim einen der der Männer sagen, „Wehr dich ruhig. Du kannst doch nicht gewinnen. Ihr Weiber stellt euch doch sonst nicht so an.“

Vadim schlich sich hinter die Drei und gab dem Mädchen, das ihn inzwischen bemerkt hatte, zu verstehen, sich nichts anmerken zu lassen.
Nach einem kurzen Blick auf ihn lachte die Kleine auf und fixierte den Sprecher. „Komm her, versuch es! Einer weniger von euch, der Nachwuchs in die Welt setzen kann. Na los, komm schon! Wovor hast du Angst? Vor einen kleinen Roma-Mädchen?“ Nochmal lachte sie spöttisch: „Komm Tschabo, ich warte. Lass uns spielen!“
Vadim musste grinsen. Sapperlot, die Kleine hatte Temperament! Er sah, wie ihr Dolch blitzschnell von einer Hand in die andere wechselte, während sie die drei Männer nicht aus den Augen ließ.
Dann war er hinter ihnen. Er lehnte sich an einen Baum und fragte laut und deutlich: „Darf ich vielleicht mitspielen?“
Erschrocken fuhren die Drei herum und starrten ihn an.

Er war für einen Roma sehr groß, fast 1,90m und das Messer, das er in der Hand hielt, trug ganz offensichtlich nichts zu ihrer Beruhigung bei.
Wieder erklang das helle Lachen.

Wenn du möchtest, Bruder, spiel ruhig mit, aber die Gadsche werden noch nicht einmal mit einem Mädchen fertig! Meinst du nicht, dass es schnell langweilig wird?“
Vadim fixierte die drei Männer: „Verschwindet hier und das ziemlich plötzlich! Sonst fange ich an zu spielen….und glaubt mir, ihr würdet dieses Spiel nicht mögen. Und eines rate ich euch: Wagt es nie wieder ein Mädchen aus meinem Volk zu bedrängen, sonst schneide ich euch die Haut in kleinen Streifen vom Leib! Und ich finde euch überall!“

Die drei jungen Männer sahen sich an und schienen zu überlegen, ob sie es auf einen Kampf ankommen lassen sollten. Ohne ein Wort traten sie schließlich den Rückzug an. Vadim sah ihnen nach, bevor er sich dem Mädchen zuwendete.
„Alles in Ordnung mit dir kleine Schwester?“

Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln: „Ja Bruder. Danke für deine Hilfe, aber ich hätte es auch allein geschafft.“
Vadim musste schmunzeln.. Sie war zwar blutjung, aber unter mangelndem Selbstbewusstsein schien sie nicht zu leiden. Langsam kam sie auf ihn zu. Er bemerkte, wie sie das Gesicht beim Auftreten verzog.
„Es scheint doch nicht alles in Ordnung zu sein. Was ist mit deinem Fuß?“ „Ich bin in ein Kaninchenloch getreten und umgeknickt, als ich mir einen erhöhten Standplatz gesucht habe. Es ist nicht schlimm. Wer bist du überhaupt? Ich kenne dich nicht.“
Sie setzte sich auf einen Baumstamm und sah ihn an.
„Ich bin Vadim, Sohn von Gory und Jennay.“

Sie streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Rilana, Tochter von Rupeno und Orianna. Danke für deine Hilfe.“

Er ergriff ihre Hand und schaute ihr in die Augen.
„Ich freue mich, dich kennenzulernen Rilana. Ist deine Sippe hier in der Nähe?“ 
„Wir lagern östlich vom Kloster. Ich wollte Kräuter suchen, als die drei Gadsches auftauchten.“

Oh, dann hast du aber ein gutes Stück zu laufen. Zeig mir mal deinen Fuß!“
Zögernd streckte sie ihm ihren Fuß entgegen. Vorsichtig tastete er ihren Knöchel ab.

Damit lasse ich dich nicht laufen Rilana. Der Knöchel ist böse verstaucht. Ich habe mein Pferd dort drüben stehen. Ich bringe dich zu eurem Lager.“
Sie schien widersprechen zu wollen, doch dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht und sie nickte nur.
„Wie alt bist du Rilana?“ fragte er sie.

Dreizehn, aber in zwei Monaten werde ich vierzehn“, antwortete sie fast atemlos.

Genau in diesem beschloss Vadim, um sie zu werben. Er wusste, sie war das Mädchen, auf das er immer gewartet hatte!

***

Vadim nimmt die Hand seiner Frau.

Ja Liebling, alles was uns betrifft ist vorbestimmt. Warum hätte ich mich denn sonst in dich verliebt? Und warum liebe ich dich immer noch so?“

Er unterbricht sich und schaut auf seine Tochter.
„Nein! Ich liebe deine Mama viel mehr als damals. Für sie würde ich alles aufgeben, und mit ihr kann ich gegen den Rest der Welt kämpfen. Und du, kleine Blume, bist das Ergebnis dieser Liebe. Die Götter meinen es gut mit mir. Sie machen mich zu dem glücklichsten Mann auf dieser Welt!“
Rilana streichelt sanft seine Hand. „Ja Vadim, so geht es mir auch. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mit einem anderen Mann zu leben. Ich glaube, die Götter wissen, dass du der einzige Mann bist, der unsere Tochter schützen kann. Du bist so stark und immer für alle da. Du bietest allen Schutz und Sicherheit. Ich liebe dich so sehr. Solange ich weiß, dass du da bist, habe ich keine Zweifel und keine Angst.“
Vorsichtig bettet Vadim den Säugling auf ihrem Schoß und legt dann den Arm um sie. Gemeinsam betrachten sie ihre Tochter. Dieses Kind ist die Krönung ihres Glückes!

***
2. MARCELLINO

 

Die anderen Wagen, die am nächsten Tag eintreffen, bringen die dringend benötigten Lebensmittel mit.

Vadim hat einen Kloß im Hals, als auch die Neuankömmlinge vor ihm erscheinen und ihm die Treue schwören.

Bei Sonnenaufgang machen sie sich dann auf den Weg. Durch kleine Wälder und über steinige Wegerumpeln die Wagen, immer geschützt von den Männern, die auf ihren Pferden sämtlich Seiten sichern.

Abend schlagen sie ihr Lager an kleinen Flüssen oder Bächen auf, von den es hier in den Ausläufern der Apenusi eine Menge gibt.

Ortschaften sind selten, der Boden ist oftmals zu steinig für den Ackerbau. Für die Pferde ist ausreichend Futter vorhanden. Die Landschaft wird von Laub- und Nadelbäumen beherrscht und ab und zu finden sich auch wilde Apfelbäume.Bären, Wölfe und Luchse sind hier ebenso beheimatet wie Rot- und Niederwild.

Das Fahrende Volk kann von dem Land leben, auch ohne sesshaft zu sein.

Grün ist die vorherrschende Farbe, gerade jetzt, wo der Frühling langsam in den Sommer übergeht.


Am Abend bevor sie das Tal erreichen, ruft Raluca Vadim zu sich. Er geht zu ihr in den Wagen und setzt sich abwartend hin.
„Es geht los Vadim“, sagt sie, „unsere Männer berichten, dass ungewöhnlich viele Leute anderer Satras unterwegs sind und nach außergewöhnlichen Ereignissen fragen.

Wie es aussieht, wissen sie bisher noch nicht, was sie suchen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann jemand das Beben im Zeitgefüge mit der Prophezeiung in Verbindung bringt. Einige wissen, dass der Wolf schon lange da ist. Auch seine Geburt hat dieses Beben verursacht. Glücklicherweise waren damals die richtigen Leute da. Aber der Wolf alleine stellt keine Gefahr dar. Deshalb werden sie versuchen, die Eule zu finden und zu töten.

Unsere Entscheidung vorläufig sesshaft zu werden, wird allgemein akzeptiert. Der Wolf ist jetzt auf dem Weg. Er wird lernen, um zum richtigen Zeitpunkt für seine Rolle bereit zu sein.“
Nachdenklich mustert Vadim seine Großmutter.

Woher weißt du das alles? Du verlässt das Lager kaum und bist meist in deinem Wagen. Trotzdem bist du immer informiert.“
Raluca lächelt geheimnisvoll.

Vadim, ich bin mehr unterwegs, als du glaubst.“ Sie bemerkt seinen ungläubigen Blick und lacht.
„Ich muss meinen Wagen nicht verlassen! Ich werde gerufen. In meinen Gedanken. Und ich lese im Feuer. Die Prophezeiung wurde von jemandem aus unserer Familie geschrieben. Sie wird von einer Generation an die andere weitergegeben. Das Original ist in meinem Besitz. Ich war noch ein Kind, als meine Großmutter mir die Schriftrolle gezeigt hat, und mir erklärte, dass ich lesen und schreiben lernen muss. Es gibt nicht viele Roma, die das können, aber du weißt, dass ich versuche es allen zumindest ein bisschen beizubringen.

Keiner weiß, dass es noch zwei Teile gibt. Einen für den Wolf und einen für die Eule. Die beiden Kinder werden sie erhalten, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Unsere Familie hat die Aufgabe, die Prophezeiung zu hüten. Sie wird immer an Frauen weitergegeben. Was meinst du, warum das so ist?“
Vadim schaut sie nachdenklich an, bevor er antwortet. 
„Die Frauen….Sie sind doch die Satra und sie sind das Volk. Sie bringen das Leben, sie prägen unsere Kinder und umsorgen sie. Und die Frauen begleiten die Sterbenden. Ohne Rilana und dich wäre ich heute doch nicht das, was ich bin. Unsere Satra ist dank eures Einflusses anders. Ich wette, die Regeln, die euch Frauen so sehr einengen, haben Männer gemacht. Wie oft hätte ich falsche Entscheidungen getroffen, wenn ihr mich nicht beraten hättet? Frauen sind … Irgendwie ganz einfach und doch unendlich kompliziert. In jeder Frau steckt eine komplette Welt und wir Männer sind die Reisenden, die diese Welt erforschen, entdecken und erobern. Wer eine Frau nur so sieht, wie es den Regeln der Sippen entspricht, ist wie jemand, der auf einer kleinen Insel festsitzt und diese Insel für die Welt hält. Bunica weißt du was? Ich glaube, die Götter sind weiblich … Ich kenne keinen Mann, der in der Lage wäre so eine Prophezeiung zu machen. Und auch keinen Mann, der in der Lage wäre, die Geschicke des Volkes zu lenken. Ist das jetzt Gotteslästerung Bunica?“
Besorgt blickt Vadim seine Großmutter an. Er weiß, dass er bei ihr sagen darf, was er denkt. Sie wird ihn nie verurteilen. Raluca sieht ihn an. Ungläubig schüttelt sie den Kopf.

Nein mein Junge, das ist keine Gotteslästerung. Wenn ich mich bisher gefragt hätte, warum ausgerechnet du der Vater des Kindes bist, hättest du mir jetzt die Antwort gegeben. Du warst schon als Kind anders, aber das, was du gerade gesagt hast, bestätigt mir, dass du von Anfang an auserwählt warst, der Vater der Eule zu sein. Vadim, du ahnst gar nicht, wie besonders du bist! Jetzt endlich weiß ich, dass wir es schaffen werden! Ich danke der Göttin dafür, dass sie dich zu uns geschickt hat!“
Erleichterung zeigt sich in Vadims Gesicht.
„Also ist es eine Göttin! Es ist mir als Kind das erste Mal aufgefallen. Bogdan war gerade geboren und ich stand an einer Quelle. Wie alt mag ich da gewesen sein? Knapp acht Jahre alt. Und du hattest mir erzählt, dass alles Leben von den Göttern kommt. Ich sah diese Quelle aus der Erde sprudeln und plötzlich kam mir der Gedanke, dass Leben immer aus etwas herauskommt. Ich meine, es ist nicht einfach da. Quellen kommen aus der Erde, Tiere und Menschen aus ihren Müttern, Knospen aus Pflanzen, Gras aus Samen. Leben ist weiblich. Aus dem, was männlich ist, kommt kein Leben. Auch wenn der männliche Teil dazu nötig ist. Damals habe ich das erste Mal gedacht, dass die Götter weiblich sein müssen. Die Vorstellung gefällt mir auch besser. Kameradschaft unter Männern ist schön, aber ein Zuhause kann nur eine Frau schaffen. Dieses warme Gefühl der Geborgenheit und Nähe. Ich kann die Satra gegen Angriffe von außen schützen und versorgen, aber der Zusammenhalt, die Wärme, das eigentliche Leben, das gestaltet ihr Frauen.“

Raluca ist überrascht. Sie weiß, dass Vadim anders ist, aber sie hat das immer auf den Einfluss Rilanas geschoben. Und jetzt plötzlich stellt sich heraus, dass die Liebe zu Rilana nur die natürliche Konsequenz seiner Gedanken und Überzeugungen ist. Natürlich musste er sich in ein Mädchen mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Willensstärke verlieben. Stück für Stück setzt sich das Mosaik zu einem Bild zusammen.
Sie sitzen noch eine Weile zusammen und besprechen den morgigen

Aufbruch. Als Vadim hinüber zu seinem Wagen geht, hört er den Schrei einer Eule und es klingt wie eine Bestätigung ...

Am nächsten Tag erreichen sie das Tal. Überrascht zügelt Vadim sein Pferd und lenkt es zu Ralucas Wagen. „Hier ist aber eine Menge Platz!“

Ja“, meint sie, „hier können die Pferde grasen. Wir müssen dort drüben hin.“ Sie zeigt auf ein Waldstück.

Die Wagen können dort nur hintereinander fahren. Wenn wir dort sind, wirst du unseren neuen Wohnort sehen.“
Vadim reitet voraus. Er durchquert den Wald und steht in einem geräumigen Tal-Kessel. Drei große Hütten befinden sich hier und ein Pferch für die Pferde. In einer Ecke liegt Bauholz gestapelt und es gibt eine Quelle mit einem kleinen Teich. Links von den Hütten können die Wagen stehen und mit dem Bauholz kann man ohne Weiteres eine Versammlungshütte bauen. Die meisten seiner Leute werden es vorziehen, in ihren Wagen zu wohnen, aber wenn jemand lieber eine Hütte will, ist es kein Problem.
Er stellt sich vor, wie Shirin in ein bis zwei Jahren hier rumtobt. Sein Lächeln wird breiter. Rilana möchte garantiert einen Garten haben. Das ist schon immer ihr Traum. Und wenn er ehrlich ist, freut er sich auch auf einen Winter in einer festen Hütte. Im Frühjahr und im Sommer muss er raus. Es gibt nichts Schöneres, als dann frei und ungebunden durch das Land zu ziehen. Aber im Winter sind sie auf einen festen Standplatz angewiesen und es wird immer schwieriger einen zu finden, wo sie unbehelligt leben können. Entweder müssen sie viel zu hohe Preise zahlen oder sie werden verjagt. 
Hier haben sie jetzt einen ruhigen Platz, an dem sie in aller Ruhe die nötigen Reparaturen an den Wagen vornehmen können. Die Kinder können hier toben, ohne dass man Angst um sie haben muss. Ein fester Standplatz hat durchaus Vorteile.
Jetzt rollen die ersten Wagen in den Talkessel. Vadim zeigt den Leuten, wo sie die Wagen aufstellen sollen. Schnell herrscht geschäftiges Treiben. Auch Raluca ist inzwischen eingetroffen.
„Vadim. Ihr nehmt die Hütte, die links steht. Dort habt ihr drei Räume. So könnt ihr in einem Haus schlafen und die Tradition wird trotzdem eingehalten. Und damit kein Gerede aufkommt, werde ich die nächsten Wochen bei euch in der Hütte schlafen.“ Verschmitzt lächelt sie ihm zu. Vadim grinst breit. Dann dreht er sich zu den Leuten um.
„Richtet euch alle ein. Wer sich eine Hütte bauen will, kann das tun. Allerdings ist es sinnvoll immer erst eine komplett zu errichten, bevor die Nächste in Angriff genommen wird.
Und es wäre schön, wenn wir heute Abend alle zusammen als Satra am Lagerfeuer essen könnten. Mit Musik. Raluca erzählt uns bestimmt einige Legenden. Also lasst uns anfangen!“
Er geht zu Rilana. „Liebling, geh doch schon mal mit Shirin und Raluca in die Hütte. Ich bringe die Sachen aus dem Wagen dann rein.“
„Vadim, wir müssen dort erst lüften und putzen. Ich denke nicht, dass wir heute Nacht schon in der Hütte schlafen können. Aber du kannst Shirins Körbchen dort an dem Baum befestigen. Dann kann ich sie sehen und habe trotzdem die Hände frei.“
Vadim holt sich Seile und das Körbchen in dem Shirin normalerweise schläft. „Dein Wunsch ist mir Befehl!“ Zuerst fertigt er einen größeren Korb an, in den man das Schlaf-Körbchen hineinstellen kann. Diesen befestigt er mit Seilen in dem Baum. Zufrieden betrachtet er sein Werk.

Er sieht sich nach den Frauen um. Als er sie entdeckt, eilt er zu ihnen hinüber.
„Rilana, das Körbchen ist fest. Ich habe oben noch eine Schlaufe gemacht, falls du ein dünnes Tuch als Schutz gegen die Mücken anbringen willst. Ich will mit Mihai in den Ort reiten und einige Sachen besorgen. Brauchst du etwas?“
Während Rilana Shirin in die Wiege legt, zählt sie auf, was er mitbringen soll. Mit einer langen Liste und einem Packpferd reiten die beiden Männer schließlich los.
„Was meinst du Mihai?“ fragt Vadim seinen Stellvertreter.

Das Tal ist ideal“, antwortet Mihai, „Wir können den Lagerplatz mit wenigen Leuten verteidigen und haben alles was wir brauchen. Natürlich müssen wir Vorräte anlegen, aber dazu haben wir bis zum Winter noch genug Zeit. Sero, wir brauchen Salz um das Fleisch haltbar zu machen. Wenn wir die nächsten Wochen nutzen, um zu jagen und zu sammeln, sollten wir den Winter gut überstehen können. Es ist wichtig, dass wir Heu einlagern. Dafür brauchen wir noch eine Hütte. Und einen Wäscheplatz für die Frauen. Es wäre ohnehin sinnvoll, wenn die Frauen, die tabu sind, eine eigene Hütte bekommen. Warum sollten sie in einem festen Lager allein in ihrem Wagen sitzen?“
Vadim schaut überrascht zu Mihai. Das hätte er ihm nicht zugetraut!

Der ältere Mann bemerkt seine Überraschung und grinst.

Sero, ich habe eine Frau und vier Töchter. Ich weiß, wie ungern sie diese Zeit allein verbringen, aber die Tradition verlangt diese Absonderung nun mal. Also könnten sie doch ihre eigene Hütte bekommen, denn ich habe noch nie gehört, dass sie die Zeit ganz alleine verbringen müssen. Außerdem gibt es viele Arbeiten, die sie mit mehreren Frauen besser erledigen können, wie Felle bearbeiten zum Beispiel. Es wäre für alle vorteilhaft.“
Anerkennend nickt Vadim.

Dann sollten wir auch gleich Stoff für Matratzen besorgen. Ich habe keine Ahnung, wie viele von den Frauen gleichzeitig betroffen sind. Ich hoffe, acht Schlafstätten reichen erstmal.“

Mihai rechnet kurz nach. „Ja, mehr dürften es nicht werden und falls doch, können wir immer noch Stoff nachholen.“
Als sie den kleinen Ort erreichen, stellen sie überrascht fest, dass ihnen keine Abneigung entgegenschlägt. Im Gegenteil! Sie zahlen vernünftige Preise und der Händler bietet ihnen sogar einen Karren für das Packpferd an, damit sie ihre Einkäufe transportieren können. Dankbar nehmen sie sein Angebot an und versprechen, dass der Karren am nächsten Tag zurückgebracht wird. Dann machen sie sich auf den Rückweg.
Als sie in dem Lager eintreffen, haben sich die meisten Leute schon häuslich eingerichtet. Sogar das Lagerfeuer ist schon vorbereitet. Vadim nimmt die Stoffballen und trägt sie in die Hütte. Raluca beobachtet ihn und sieht ihn fragend an. Er lehnt sich an den Türrahmen und erzählt ihr von Mihais Vorschlag. Verblüfft schaut sie zu dem grauhaarigen Roma.
„Die Idee ist gut. Hätte ich Mihai gar nicht zugetraut. Die Frauen werden sich freuen. Das können wir alles nachher genauer besprechen. Wir haben hier jetzt ein anderes Problem!“
Vadim sieht sie fragend an. Raluca zeigt zu dem Baum, an dem das Körbchen mit Shirin hängt. Dort sitzt, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, ein junger Roma. Vadim schätzt ihn auf Mitte zwanzig. Der Mann hat seine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trägt einen Hut. Sein Bart ist für einen Roma ungewöhnlich kurz geschnitten und er summt ein Lied, während er sich im Lager umschaut.
„Er möchte sich uns anschließen“, sagt Raluca, „Sprich du mit ihm. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Vadim geht zu dem jungen Mann. „Ich bin Vadim, der Sero der Satra“, stellt er sich vor.

Der Mann springt geschmeidig auf und nimmt seinen Hut ab. „Ich bin Marcellino, Sohn von Ricardo und Mercy. Ich würde mich gerne eurer Satra anschließen.“
„Warum?“ fragt Vadim und lässt ihn nicht aus den Augen. Marcellino zuckt mit den Schultern und sieht ihn offen an.
„Das weiß ich, ehrlich gesagt nicht. Ich ziehe seit vier Jahren alleine durch die Gegend und arbeite mal hier, mal dort. Als ich vorhin einen deiner Männer getroffen habe, hatte ich plötzlich das Gefühl, es wäre eine gute Idee, sich euch anzuschließen.“ 
Der junge Mann gefällt Vadim. Nach vor einigen Tagen hätte er ihn sofort aufgenommen. Aber er kann keine Fremden aufnehmen, auch wenn sie noch so sympathisch sind. Fremde sind eine Gefahr für Shirin und ihr Schutz ist vorrangig.
„Es tut mir leid Marcellino“, sagt er, „aber wir sind erst heute hier eingetroffen, und wie du siehst, eine ziemlich große Satra. Im Moment können wir niemanden aufnehmen.“
„Alles klar, dann nicht. Es war sowieso eine seltsame Idee von mir.“ Marcellino lächelt ihn an und nimmt seine Sachen hoch. „Dann ziehe ich mal weiter.“ 
Er geht einige Schritte, als Shirin anfängt zu brüllen. Der junge Mann bleibt an den Körbchen stehen und schaut hinein. „Hey, was hast du denn? Hab ich dich erschreckt? Träum weiter, Kind.“ 
Shirin ist wieder ruhig. Er nimmt seine Tasche wieder auf und sofort beginnt der Säugling erneut zu schreien. Wieder redet er auf die Kleine ein und wieder ist sie andächtig still. Als er seine Tasche erneut nimmt, geht es von vorne los. Das Ganze wiederholt sich mehrfach. Inzwischen sind auch Raluca und Rilana hinzugekommen. 
„Tja“, meint Raluca, als Shirin wieder losbrüllt, „Deine Tochter möchte ganz offensichtlich, dass der junge Mann bei uns bleibt.“
Vadim blickt von dem Körbchen zu Marcellino und dann wieder zu Raluca. Fast unmerklich nickt sie ihm zu.

Er wendet sich wieder Marcellino zu. „Junger Mann, meine Tochter hat beschlossen, dass du zur Satra gehören sollst. Also heiße ich dich im Namen von Shirin, Tochter von Vadim und Rilana, in unserer Satra willkommen!“

Schlagartig verstummt das Geschrei und ein zufriedenes Schmatzen ist aus dem Körbchen zu vernehmen.
Kurz darauf sind alle mit den Vorbereitungen für das abendliche Essen beschäftigt. Marcellino ist sofort mittendrin. Vadim und Raluca beobachten ihn. Niemand reagiert ablehnend ihm gegenüber. Bereits nach kurzer Zeit hat man den Eindruck, dass er schon immer zu Satra gehört. 
Raluca fragt sich, was es mit dem jungen Mann auf sich hat.

Shirins Reaktion ist eindeutig. Marcellino ist in irgendeiner Art und Weise mit ihr verbunden. Auch scheint von ihm keinerlei Gefahr auszugehen. Trotzdem ist es seltsam. Ein Roma, der alleine unterwegs ist und das schon seit vier Jahren. Das ist ungewöhnlich bei einem Volk, bei dem die Sippen-Bindung fast heilig ist.
Vadim steht währenddessen an den Körbchen seiner Tochter.

Was ist mit ihm kleine Blume? Warum willst du ihn hier haben? Er ist sympathisch, ja, aber was hat er mit dir zu tun?“ Shirin sieht ihn mit großen Augen an und gluckst zufrieden vor sich hin.
Abends am Feuer herrscht eine gute Stimmung. Pläne werden gemacht und Arbeitsgruppen gebildet. Die Frauen sind begeistert von der Idee, eine eigene Hütte zu bekommen. Sie bedanken sich überschwänglich bei Mihai, nachdem Vadim sagt, wessen Einfall das war.
Nach dem Essen beginnt Raluca, Legenden zu erzählen. Alle kennen diese Geschichten trotzdem mögen sie es, wenn sie vorgetragen werden. Die Legenden werden größtenteils nicht erzählt, sondern gesungen. Einige Männer holen ihre Instrumente und begleiten den Gesang.
Vadim und Rilana sehen sich über das Feuer hinweg an. Sie dürfen nicht nebeneinandersitzen, obwohl beide es wünschen. Sie unterbrechen ihren Blickkontakt, als plötzlich eine fremde Stimme in den Gesang einfällt.
Alle wenden sich dem Sänger zu.

Marcellino begleitet Raluca mit einer volltönenden Bariton-Stimme. Nahezu perfekt vermittelt er mit seinem Gesang die Stimmungswechsel in der Legende. Alle hören wie gebannt zu. Als das Lied zu Ende ist, herrscht einen Moment absolute Stille, bevor begeisterter Beifall losbricht.

Nach und nach verlassen die Leute das Feuer und gehen zu ihren Schlafplätzen, bis schließlich nur noch Raluca und Vadim am Feuer sitzen. Der Mann sieht in die Flammen und sagt schließlich leise:
„Weißt du was Bunica? Ich habe das Gefühl, ich bin endlich nach Hause gekommen!“


Während die Satra sich häuslich einrichtet, hat Rodica mit ihrem Schützling die Sepecides, die Korbflechter, erreicht. Die Sippe hat sich bereit erklärt, Zoran auszubilden. Nun sitzen sie beim Essen in ihrem Wagen.
„Meine Augen brennen“, sagt der Junge.

Rodica gibt ihm ein Stück Fleisch. „Du wirst dich daran gewöhnen. Es tut mir leid Zoran, aber diese Tropfen sind die einzige Möglichkeit deine Augen zu verändern. Du weißt, wie die Leute sonst reagieren. Wir dürfen nicht auffallen, aber du musst etwas lernen und das Land sehen. Und es ist wichtig, dass die Leute dich kennen und du Freunde findest.“
Der Junge sieht sie nachdenklich an.

Wann erzählst du mir endlich alles Bunica? Ich weiß, dass da noch etwas ist!“

Alles zu seiner Zeit mein Junge. Jetzt bleiben wir erstmal einige Jahre hier. Was denkst du über diese Satra?“

Zoran beendet sein Essen, bevor er antwortet.
„Ganz nett, aber es gibt für alles Regeln. Vorhin haben sie mir erzählt, ich dürfe nicht alleine aus dem Lager reiten. Ich lasse mich nicht einsperren! Wenn ich alleine weg will, dann reite ich alleine weg! Und sie wollten mir mein Messer wegnehmen“, der Junge lacht, „Aber nicht mit mir!“
Besorgt schaut Rodica ihn an.

Hast du jemanden verletzt?“

Nein“, sagt er ganz beiläufig, „nur den Hut von Princo an den Baum, genagelt mit dem Messer. Er war nicht begeistert, hat es sich allerdings überlegt, als er gesehen hat, dass ich noch einen Dolch habe. Ich glaube, dieses Thema ist jetzt erledigt.“ 
Nun lacht Zoran laut heraus.

Plötzlich sind alle ganz friedlich. Ich glaube, ich werde keine Schwierigkeiten haben. Bunica, wie komme ich hier an Geld?“

Wofür brauchst du Geld Zoran?“, erkundigt sie sich erstaunt.

Nicht weit von hier lagert eine Lovara-Sippe. Sie haben ein Hengst-Fohlen. Das Fohlen ist bildschön und ich würde gerne eine Anzahlung machen, damit sie es im nächsten Frühjahr hier abliefern.“
Rodica sieht ihn an.

Wir machen ein Geschäft! Du versprichst mir keine Dummheiten zu machen, und ich zahle das Fohlen für dich an. Wenn du dich vernünftig verhältst, bekommst du es von mir zu deiner Mannbarkeits-Feier nächstes Jahr.“
Zoran strahlt sie an. 
„Danke Bunica! Für dieses Fohlen würde ich noch ganz andere Dinge versprechen!“
Zoran hält sich an sein Versprechen. Rodica merkt einige Male, wie sehr ihm manche Anweisungen und Regeln missfallen. Der Junge steht dann da und kämpft mit sich selbst. Meist schließt er dann kurz die Augen und macht, was ihm gesagt wird.
Drei Tage später wartet sie abends auf Zoran. Seltsam, so spät ist er noch nie gekommen. Immer wieder schaut sie aus dem Wagen, aber er ist nirgends zu sehen. 
Als jetzt die Dämmerung einsetzt, nimmt sie sich ein Tuch und macht sich auf die Suche. Hinten am Arbeitsplatz der Korbflechter brennt noch ein Feuer.

Seltsam“, denkt sie, „um diese Zeit arbeitet doch niemand mehr!“ Sie geht hinüber und sieht nach. Da sitzt Zoran ganz alleine und arbeitet an einem Korb.
„Zoran, was machst du denn hier noch? Alle anderen sind längst in ihren Wagen. Komm jetzt!“
Seelenruhig arbeitet der Junge weiter an dem Korb.

Yul hat gesagt, ich soll mich hier hinsetzen und meine Arbeit machen. Und genau das mache ich jetzt!“
Rodica bleibt eine Weile stehen und wartet auf eine weitere Erklärung, aber anscheinend ist Zoran nicht bereit zu reden. Schließlich dreht sie sich um und geht zu dem Wagen von Yul. Sie klopft und Yul öffnet ihr die Tür.
„Guten Abend Rodica. Kann ich etwas für dich tun?“

Yul erklär mir doch bitte mal, warum Zoran immer noch arbeitet. Er sagt, du hättest es angeordnet!“
Verblüfft schaut der Mann zum Arbeitsplatz hinüber.

Dieser Dickkopf! Er wollte heute Mittag unbedingt neue Zweige holen. Wir hatten einen kleinen Streit, der damit endete, dass ich ihm gesagt habe, er soll sich dort hinsetzen und seine Arbeit machen. Ich würde es ihm schon sagen, wenn er etwas anderes tun soll. Und seitdem sitzt er dort. Er holt sich nichts zu trinken und war nicht einmal austreten. Auch als wir alles zusammengepackt haben, blieb er sitzen. Der Junge ist verdammt stur! Und er weiß ganz genau, dass es so nicht gemeint war. Lass ihn sitzen Rodica! Er muss lernen, dass er mit seinem Starrkopf nicht durchkommt. Irgendwann wird er müde und dann kommt er von ganz allein.“
„Wenn du dich da mal nicht täuschst, Yul“, sagt sie.

Der alte Mann lächelt sie beruhigend an.

Er ist nicht der erste Junge, den ich ausbilde. Er ist zwar etwas dickköpfiger als andere, aber das wird schon noch. Lass ihn einfach!“
Langsam geht Rodica zu ihrem Wagen zurück. Yul hatte keine Ahnung! Aber in einem Punkt hat er recht: Zoran soll ruhig mal merken, was ihn seine Sturheit kostet. 
Sie versucht zu schlafen, aber es gelingt ihr nicht. Immer wieder schaut sie zu dem Arbeitsplatz. Kurz vor der Morgendämmerung geht sie schließlich hinüber.
„Zoran, das ist kindisch! Du weißt genau, dass Yul das nicht so gemeint hat. Komm in den Wagen Junge!“

Verbissen schüttelt er den Kopf.

Er hat gesagt, ich soll mich an seine Anweisungen halten und genau das mache ich!“
Rodica hat es gewusst. Diese Reaktion ist typisch für den Jungen.

Wie du willst Zoran, aber ich muss dir die Tropfen in die Augen machen. Die Wirkung lässt spätestens heute Mittag nach!“
Ohne Protest lässt der Junge sich die Augen behandeln und greift wieder nach einem Korb.

Es ist der achte Korb, stellt sie fest. Yul wird verblüfft sein. Die Körbe sind alle ordentlich und gleichmäßig gearbeitet.
„Übertreib es nicht Zoran!“

Er sieht sie nur an und lächelt. Sie sieht seine Müdigkeit, aber er würde es niemals zugeben. Sie beschließt zum Wagen zurückzugehen, und zu warten.
Und Zoran arbeitet weiter. Als es hell wird, kommen die ersten Männer und betrachten ihn kopfschüttelnd.

Er beginnt gerade den zwölften Korb, als Yul erscheint. Der alte Mann kann es nicht fassen. Dieser Junge ist unglaublich. Er hat in einer Nacht mehr Körbe gefertigt, als andere in drei Tagen schaffen.

Yul nimmt die Körbe und trägt sie nach hinten. Dabei betrachtet er sie genau. Nicht ein Korb weist Fehler auf, alle sind sorgfältig gearbeitet.
„Respekt junger Mann“, denkt er bei sich. Trotzdem beschließt er, vorerst nichts zu unternehmen. Er ist gespannt, wie lange Zoran das durchhält.

So setzt er sich hin und beginnt zu arbeiten. Stunde um Stunde vergeht und der Junge sitzt da und arbeitet. Er sagt kein Wort. Einen Korb nach dem anderen fertigt er an. 
Es ist schon später Nachmittag, als Yul dem ein Ende setzt.

In Ordnung Zoran, du hast gewonnen! Hochachtung! Soviel Durchhaltevermögen hatte bisher noch niemand. Du gehst jetzt zu deiner Großmutter in den Wagen und schläfst dich aus. Und wenn du ausgeschlafen bist -und nicht eine Minute früher- kommst du wieder her. Dann werden wir reden. Und das ist ein Befehl junger Mann!“
Wortlos steht Zoran auf. Yul sieht, dass es ihm nach den langen Stunden des Sitzens schwerfällt.

Der Junge räumt seine Sachen ordentlich weg, dann verlässt er den Arbeitsplatz. Anerkennend schaut Yul ihm hinterher.
Rodica wartet schon auf ihn.

Willst du etwas essen, Zoran?“

Er schüttelt den Kopf. „Nur trinken und dann schlafen Bunica.“

War es das jetzt wert Junge?“
Er hebt den Kopf und sieht sie an. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht.

Oh ja Bunica. Das war es wert. Jede einzelne Minute, die ich dort gesessen habe!“ Er trinkt seinen Becher leer und steht auf. „Weckst du mich bitte morgen früh?“

Was hat Yul gesagt, wann du wieder arbeiten sollst?“ 
Der Junge sitzt schon auf dem Bett. „Wenn ich ausgeschlafen bin. Und ich bin morgen früh ausgeschlafen!“

Kurz darauf entnimmt sie seinem regelmäßigen Atem, dass er eingeschlafen ist.
So ist er schon als Kleinkind gewesen. Stur und gradlinig. Aber er gibt auch keinem anderen die Schuld. Er entscheidet sich für seinen Weg und das zieht er durch, bis zum bitteren Ende. Wenn er sich dann wieder abgeregt hat, ist er durchaus in der Lage Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen.

Er testet die Grenzen … die von anderen und seine eigenen. Zoran ist ein Junge, der niemals etwas widerspruchslos akzeptiert, nur weil es eben so ist. Er braucht Erklärungen, die für ihn einen Sinn ergeben.
Schließlich geht Rodica auch schlafen. Als sie am nächsten Morgen erwacht, sitzt Zoran schon gut gelaunt beim Essen. 
„Guten Morgen Bunica. Ich konnte nicht warten. Ich habe einen Riesen-Hunger. Machst du mir gleich die Tropfen in die Augen?“

Sie setzt sich zu ihm. „Du willst also gleich rübergehen?“

Klar“, meint der Junge treuherzig, „Yul braucht Zweige!“
Sie gießt sich kalten Tee ein.

Zoran, warum willst du unbedingt Zweige holen?“

Weil keine mehr da sind! Ich habe vorgestern Morgen die Letzten von hinten geholt. Und ich werde es mir nicht entgehen lassen, Yuls Gesicht zu sehen, wenn er es merkt!“
„Warum hast du es ihm denn nicht gesagt?“

Er hat mich doch nicht ausreden lassen…“

Na dann lauf mal los, damit du es nicht verpasst.“
Sie sieht ihm nach und muss lächeln. Der Junge hat tatsächlich seinen Starrsinn durchgezogen, obwohl er im Recht war. Dieser Fehler wird Yul kein zweites Mal passieren.

Zoran weiß genau, dass er den alten Mann damit in gewisser Weise bloßstellt. Selbst wenn er nicht so stur sitzengeblieben wäre, wäre die Situation für Yul schon peinlich.
Rodica sieht, wie der Junge sich vor den Arbeitsplatz stellt. Was hat er denn jetzt schon wieder vor?

Sie beobachtet, wie Yul auf ihn zukommt und die beiden miteinander sprechen. Dann gehen beide zu dem Arbeitsplatz.
Zoran hat auf Yul gewartet.

Nach einem Morgengruß fordert Yul ihn auf, mitzukommen. Zoran hält ihn zurück. „Yul, es sind keine Zweige mehr da.“

Junge, fängst du schon wieder an?“

Nein! Es sind keine Zweige mehr da! Ich habe vorgestern die Letzten geholt.“
Yul sieht ihn prüfend an. „Du meinst das ernst…“

Zoran nickt.

Warum hast du das nicht … Verdammt! Ich bin selber schuld. Ich hätte dir zuhören sollen!“ Er schaut Zoran nachdenklich an.
„Danke, dass du es mir hier gesagt hast. Und jetzt lass uns reingehen, damit ich es hinter mir habe!“

Yul, du musst das nicht machen. Ich kann eben Zweige besorgen.“

Yul ist verblüfft. Das hätte er jetzt nicht erwartet.

Nein Junge. Ich habe einen Fehler gemacht und ich stehe dazu. Trotzdem kannst du mal zurückstecken. Auch wenn du im Recht warst, hat dein Trotz nicht viel gebracht!“

Zoran grinst. „Siebzehn Körbe immerhin!“
Jetzt muss auch Yul grinsen. „So jemanden wie dich habe ich noch nie erlebt! Ich hoffe nur, dass wir ab jetzt besser miteinander klarkommen!“

 

 

***

Einige Wochen sind vergangen, und in dem Lager hat sich einiges getan. Die Versammlungshalle und die Hütte für die Frauen stehen.

Zu Vadims Überraschung haben sich doch sehr viele seiner Leute für den Bau einer Hütte entschieden. Er hat inzwischen einen Garten für Rilana angelegt, in dem auch schon Hühner herumlaufen. Selbst Kaninchen gibt es hier schon.
Vadim lehnt am Pferch und beobachtet das Treiben um sich herum. Die Stimmung unter seinen Leuten könnte nicht besser sein. Täglich finden sich neue Gruppen zusammen, die entweder eine Hütte errichten, auf die Jagd gehen oder andere Arbeiten verrichten.
Und Marcellino ist immer mittendrin. Der junge Mann bereitet Vadim immer noch Kopfschmerzen. Warum ist er hier? Was ist seine Bestimmung?
Als er jetzt Marcellino etwas abseits sitzen sieht, beschließt er mit ihm zu sprechen. Er geht zu ihm hinüber und lässt sich neben ihm ins Gras sinken. „Na, gönnst du dir eine Pause Marcellino?“

Der junge Mann trinkt einen Schluck Wasser und schaut ihn dann an.

Ja, wir müssen auf das Bauholz warten und solange bin ich eher im Weg.“
„Erzähl mir was über dich“, fordert Vadim ihn auf, „ du weißt inzwischen sicherlich, dass wir hier etwas zu schützen haben. Und ich weiß gerne über meine Leute Bescheid.“

Marcellino nickt verständnisvoll.
„Ja sicher. Das kann ich verstehen. Also, ich bin Marcellino, Sohn von Ricardo und Mercy. Geboren in einer Sippe der Kalderara. Mein Vater war Sero und meine Kindheit war völlig normal bis … ja, bis zu diesem Winter. Ich war gerade sechs geworden. Es war ein harter Winter. Wesentlich mehr Schnee als sonst. Wir hatten keinen Standplatz gefunden. Die Gadsches waren noch feindlicher als sonst. Sie beschimpften und bedrohten uns. Schließlich haben wir unser Lager in einem Wald aufgeschlagen. Es schneite immer mehr und die Männer konnten das Lager kaum noch verlassen, um zu jagen. Irgendwann gingen dann auch unsere Vorräte zur Neige. Ich kann mich nicht daran erinnern, davor oder danach nochmal so gehungert zu haben. Auf jeden Fall begannen die Leute, meinem Vater die Schuld an der Situation zu geben.
Eines Nachts ist er dann ganz alleine losgezogen, um zu jagen. Wir alle warteten, aber er kam nicht wieder. Die Leute begannen zu tuscheln und behaupteten, er hätte uns alle im Stich gelassen und wäre alleine verschwunden. Ich kann mich genau daran erinnern, wie misstrauisch sie mich und meine Mutter ansahen. Nach endlosen sechs Tagen erschien mein Vater wieder im Lager. Ich werde diesen Anblick nie vergessen.“ 
Marcellino unterbricht sich und starrt einen Moment ins Leere. Dann spricht er leise und gepresst weiter.
„Er war blutüberströmt und abgemagert. Seine Augen glänzten vor Fieber. „Essen … vor dem Lager“, war alles, was er sagen konnte, bevor er vor unserem Wagen zusammenbrach. Meine Mutter und ich holten ihn in den Wagen, während die Leute vor das Lager liefen. Dort lagen fünf Wildschweine und ein Reh. Er hatte die Tiere ganz alleine gejagt und vor das Lager geschleppt. Ich begreife bis heute nicht, wie er das geschafft hat.
Draußen vor dem Wagen feierten die Leute und drinnen sahen wir, welchen Preis mein Vater dafür zahlen musste. Der Keiler hatte ihm die ganze Seite aufgeschlitzt. Eine furchtbare Wunde, schon brandig. Meine Mutter schickte mich hinaus, einige Frauen holen und dann durfte ich nicht mehr in den Wagen. Ich saß davor und hörte seine Schmerzensschreie.
Sie brannten ihm die Wunde aus und nähten sie. Es dauerte Stunden.

Irgendwann kamen die Frauen heraus und ich konnte in ihren Gesichtern lesen, dass es hoffnungslos war. Ich schlich mich in den Wagen zurück und kauerte mich in eine Ecke. Meine Mutter kniete neben dem Bett meines Vaters, der von heftigen Fieberträumen geplagt wurde. Tagelang.
Zwischendurch kamen immer wieder die Frauen und halfen dabei ihn zu waschen. Und dann bauten sie das Zelt draußen auf …

Sie hatten ihn aufgeben! Ich konnte es nicht begreifen. Wie erstarrt stand ich dabei, als sie ihn zum Sterben hinaustrugen.“
Wieder verstummt Marcellino. Vadim legt ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm.

Solche schweren Verletzungen zu heilen, ist fast unmöglich.“

Ja, ich weiß“, sagt der junge Mann leise, „Heute weiß ich es. Aber damals? Ich habe nur gesehen, dass er uns vor dem Verhungern gerettet hat und dann ließen sie ihn einfach sterben!
Sein Sterben dauerte weitere neun Tage. Ganz am Schluss war er nochmal ganz klar.

Marci“, sagte er zu mir, „pass auf deine Mutter und auf deinen kleinen Bruder auf.“ Meine Mutter war schwanger. Und mein Vater? Er muss in dem Moment irgendwie gewusst haben, dass sie einen Jungen bekommt. Ich wollte es nicht wahrhaben.

Vater, du passt auf uns auf, so wie du es immer machst. Bitte werd gesund. Du darfst nicht sterben …“ Das war alles, was ich sagen konnte.
Er sah mich nur an. „Versprich es mir Marci!“

Schließlich habe ich es ihm versprochen. Am Abend ist er dann gestorben. Sie brachten mich zu meinem Onkel. Erst nach dem Begräbnis durfte ich meine Mutter wiedersehen. Schnell bemerkte ich, dass sie plötzlich gemieden wurde. Ich verstand es nicht, bis ich irgendwann ein Gespräch belauschte.
Es hieß plötzlich, sie sei eine Hexe und hätte Unglück über die Satra gebracht. Mein Vater sei ein guter Sero gewesen, bis er sie geheiratet hätte. Und das Kind, was sie trug sei verflucht.
Es kam, wie es kommen musste. Sie vertrieben meine Mutter aus der Sippe. Ich musste zu meinem Onkel. Vor vier Jahren habe ich mich dann auf den Weg gemacht, um meine Mutter und meinen Bruder zu finden.
Ich weiß inzwischen, dass meine Mutter bei der Geburt gestorben ist. Sie hat tatsächlich einen Jungen bekommen. Er soll gesund gewesen sein, und andere Leute haben ihn mitgenommen. Aber keiner konnte mir sagen, wer sie waren. Und so suche ich weiter und hoffe, dass ich ihn irgendwann finde. Ich weiß nicht einmal seinen Namen und auch nicht, ob ich ihn erkennen würde, aber ich weiß, dass ich die Suche nicht einfach aufgeben kann. Ich muss ihn finden!“

Marcellino sieht den Sero an. „Genügt dir das jetzt an Informationen?“ Vadim erhebt sich. „Ja. Marcellino, ich wünsche die viel Erfolg bei deiner Suche. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag mir Bescheid.“
Vadim geht zu Raluca und berichtet ihr, was er von Marcellino erfahren hat. Raluca hört ihm aufmerksam zu.

Er ist deutlich jünger, als ich angenommen habe“, sagt sie dann nachdenklich, „Gerade mal 21 Jahre. Verblüffend. Er wirkt viel reifer.“

Du weißt, wer er ist?“ fragt Vadim erstaunt.

Die alte Frau nickt. „Jetzt schon. Jetzt weiß ich auch, warum es ihn ausgerechnet zu uns verschlagen hat.“

Verrätst du es mir?“ Vadim wirkt sehr neugierig.

Raluca lächelt nur.
„Nein mein Junge. Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass auch er anscheinend eine Aufgabe zu erfüllen hat. Auch er ist ein Teil der Prophezeiung. Die Zeit wird zeigen, worin seine Rolle genau besteht.“

Vadim gibt auf. Er weiß, seine Großmutter wird nichts mehr verraten, aber sie wirkt sehr selbstzufrieden und beruhigt.
„Mal eine ganz andere Frage Bunica. Warum sind die Gadsches im Ort so freundlich zu uns? Ich meine, das ist ja nicht gerade normal. Sie sind sehr hilfsbereit und nicht ein bisschen feindlich. Das habe ich so noch nie erlebt.“
„Das hat mehrere Gründe Vadim. Die Leute hier leben so abgeschieden, dass hier das Christentum noch nicht viel Einfluss hat. Eine Menge Ereignisse haben diese Menschen zu unseren Freunden gemacht.“

Was für Ereignisse Bunica?“

Ach Vadim! Heute willst du aber alles ganz genau wissen.“
Enttäuscht schaut er sie an. „Noch ein Geheimnis?“

Nein, komm mit rüber in den Schatten, dann erzähle ich dir die Geschichte.“
Er folgt ihr unter einen Baum. Dort beginnt, sie zu erzählen.
„Dieser Ort liegt genau zwischen zwei Fürstentümern. Über fast zwei Jahrhunderte wurden die Einwohner immer wieder das Opfer von Plünderungen, mal von der einen, mal von der anderen Seite. Vor fast hundert Jahren fand wieder ein Überfall auf diesen Ort statt. Mein Urgroßvater kam gerade mit seiner Satra durch dieses Gebiet. Sie näherten sich dem Ort vorsichtig und sahen, dass alle Häuser in Brand gesteckt worden waren. Die Überlebenden hatte man in eine Ecke gedrängt und die Angreifer begannen, um sie herum Holz zu schichten. Ihre Absicht war klar. Sie wollten die Menschen bei lebendigem Leib verbrennen.
Mein Urgroßvater ließ die Pferde der Angreifer auseinandertreiben. Als diese versuchten, ihre Tiere wieder einzufangen, wurden sie Mann für Mann niedergemacht. Danach half die Satra, den Ort zu sichern und wieder aufzubauen. Man versorgte die Verwundeten, und überall in den umliegenden Tälern wurden geheime Verstecke für die Menschen angelegt.

Weißt du, gerade hier in diesem Gebiet, hielten sich damals auch die Tataren auf. Sie schätzten die Weiden hier und nutzten sie häufig zum Überwintern.

Auch sie halfen, das Dorf zu schützen. Als sie sich dann zurückzogen, sorgten wir dafür, dass immer eine Sippe der Lovara hier in der Nähe war, um notfalls Hilfe leisten zu können. Die Menschen kennen und vertrauen uns. Wir versorgen sie mit allem, was wir herstellen, erjagen oder sammeln.

Dafür bekommen wir im Gegenzug alles, was wir brauchen und sie kümmern sich um die Hütten hier im Tal, wenn niemand von uns in der Nähe ist. Diese Menschen sind einfach unsere Freunde.“

Vadim wirkt nachdenklich. „Ich hätte nie gedacht, dass jemals irgendjemand sagt, Gadsches seien unsere Freunde.“
„Mein Junge, wir alle sind letztendlich Menschen. Das Problem mit Menschen ist, dass sie alles, was sie nicht verstehen, fürchten. Und Furcht führt dann irgendwann zu Hass. Die Menschen hier kennen uns. Sie haben keine Angst. Deshalb können sie Freunde sein. Sie haben erkannt, dass sie genauso von uns lernen können, wie wir von ihnen.“

 

 

***

 



Die Monate vergehen und das Lager wird immer besser ausgebaut.

Shirin kann inzwischen krabbeln und nutzt jede Gelegenheit, um aus dem umzäunten Garten zu entkommen. Sie entwickelt dabei eine unglaubliche Schnelligkeit. Und sie scheint sich immer zu verstecken.

Rilana und Vadim suchen sie regelmäßig. Der Einzige, der sie todsicher immer findet, ist Marcellino. Er braucht Shirin nur zu rufen und schon hört man aus irgendeiner Ecke Kinderlachen. 
Wenn er sie dann in den Garten zurückbringt und ihr sagt, sie soll dort bleiben, bleibt sie seltsamerweise auch dort. Shirin ist ein ausgesprochen freundliches Kind. Sie strahlt jeden sofort an. Angst scheint sie nicht zu kennen.
An einem sonnigen Herbstnachmittag kommt Rilana aus der Hütte und schaut sich nach der Kleinen um.

Wo ist sie denn schon wieder? Vor fünf Minuten saß sie doch noch unter dem Apfelbaum.
Im Garten kann Rilana das Mädchen nicht entdecken. Sie geht durchs Lager und fragt die Leute. Alle schütteln den Kopf.

Marcellino ist nicht da und er wird auch nicht vor Sonnenuntergang zurück sein. Rilana ist schon fast panisch, als Vadim ins Lager geritten kommt. „Vadim, Shirin ist weg! Ich kann sie nicht finden, obwohl ich schon alles abgesucht habe!“

Vadim springt vom Pferd.

Liebling, beruhige dich. Wir werden sie schon finden.“
Gemeinsam suchen sie das Lager noch mal ab. Immer mehr Leute suchen mit. Plötzlich ertönt ein durchdringender Pfiff. Sie schauen in die Richtung, aus der er kommt, und sehen Mihai. Er winkt sie heran und sie eilen zu ihm.

Schaut mal“, sagt er lächelnd und zeigt auf den Pferch.
Da sitzt Shirin mitten zwischen den Pferden. Die Tiere bilden einen Kreis um sie und beschnuppern das Kind neugierig. Die Kleine sitzt dort und lacht. Sie greift nach den Pferden und brabbelt vor sich hin. Dann fängt sie an zu krabbeln. Rilana hält den Atem an.
Die Pferde gehen zur Seite, als wüssten sie, dass sie dieses kleine Menschenwesen verletzen können. Immer wieder senken sie die Köpfe und schnuppern an der Kleinen. Es sieht fast aus, als geben sie dem Kind Geleitschutz. Endlich hat Shirin die Einzäunung erreicht.
Erleichtert nimmt Rilana sie hoch. Shirin strahlt sie an und zeigt zu den Pferden.

Da … Dada“, sagt sie. Es klingt wie eine Aufforderung.

Vadim lacht.
„Komm her kleine Blume. Möchtest du die Pferde jetzt mal von hier oben sehen?“ Er nimmt Rilana das Kind ab und geht mit der Kleinen auf dem Arm in den Pferch. Die Pferde kommen sofort angetrabt und stupsen Shirin an. Wieder fängt das Kind an zu lachen.
„Wauwau?“ Mit großen Augen sieht sie Vadim an.

Der Mann muss lachen.

Nein Schatz. Das sind keine Hunde. Das sind Pferde!“

Vadim überlegt, wie er es ihr erklären kann. Plötzlich wiehert eines der Tiere. Shirin klatscht in die Hände und sieht ihren Vater groß an.
„Ühühüh!“ Jetzt lachen alle um sie herum.

Gut Kleine, dann heißen sie eben Ühühüh, bis du sprechen kannst!“
Tagelang ist „Ühühüh“ Shirins Lieblingswort. Wenn jemand sie auf den Arm nimmt, zeigt sie zu den Pferden. „Ühühüh!“ Sie sieht die Leute ernst an und keiner kann ihr widerstehen. Jeder geht mit ihr zu den Pferden.
Überhaupt scheint sie ein besonderes Verhältnis zu Tieren zu haben. Wenn sie im Garten sitzt, kommen die Vögel ganz nah an sie heran. Sie lassen sich von dem Kind auch nicht stören. Und so klein, wie Shirin ist, sie kann auch ganz still dasitzen. Manchmal sieht man nicht gleich, was die Kleine dann so fasziniert. Folgt man dann ihrem Blick, entdeckt man, dass es mal ein Schmetterling, mal eine Ameise ist.
Aber auch Pflanzen findet sie toll. Sie nimmt sie Blatt für Blatt auseinander und betrachtet alles genau. Es ist verblüffend, wie fein die tollpatschigen Kinderhände dabei vorgehen.
Es gibt noch etwas, worin sie sich von anderen Kindern unterscheidet: Sie steckt niemals etwas in den Mund. Es wird alles genau untersucht und angesehen, aber in den Mund wandert nichts.
Ihr erklärter Liebling ist und bleibt Marcellino. Kaum sieht sie ihn, lacht sie, klatscht in die Hände und streckt ihm die Arme entgegen. Der junge Mann ist des Öfteren mal einige Tage alleine unterwegs. Vadim weiß, dass er dann die Gegend nach umherziehenden Roma und Sinti absucht und um Informationen über seinen Bruder zu erhalten.
Shirin entdeckt ihn, als er nach einigen Tagen der Abwesenheit wieder ins Lager geritten kommt. Laut jauchzt sie auf.

Rilana folgt ihrem Blick und lacht. „Na Schatz, ist dein Freund wieder da? Er kommt bestimmt gleich zu dir!“

Shirin krabbelt zu der Umzäunung, die Vadim extra ihretwegen enger gemacht hat. Marcellino lässt nicht lange auf sich warten. Mit großen Schritten kommt er auf die Hütte zu und ist mit einem Sprung über den Zaun.
„Ich hab etwas für Shirin“, sagt er lächelnd zu Vadim und Rilana.

Ich weiß ja nicht, ob ihr es erlaubt, aber wenn nicht, behalte ich es und Shirin kommt mich dann immer besuchen.“

Vielleicht solltest du uns erstmal zeigen, worum es sich handelt“, schlägt Vadim vor.
Marcellino öffnet seine Jacke, die ein Eigenleben zu führen scheint. Ein schneeweißer Hundewelpe kommt zum Vorschein.
„Ich habe eine Roma-Sippe aus dem Nord-Westen getroffen und sie haben diese Hunde. Sie heißen Kuvasz und werden ziemlich groß. Es sind Hüte-Hunde.“

Shirin hat ihn nicht aus den Augen gelassen.
„Wauwau“, brabbelt sie begeistert und krabbelt zu Marcellino. Alle staunen, als sie sich nun an seiner Hose hochzieht und plötzlich steht. „Wauwau!“ wiederholt sie fordernd.

Vadim lacht. „Die Entscheidung ist ja wohl schon gefallen. Wenn wir jetzt nein sagen, lebt unsere Tochter vermutlich bei dir.“

Schmunzelnd setzt Marcellino den Welpen neben Shirin auf die Erde. Prompt lässt die Kleine sich auf den Po fallen und greift nach dem Hund. Sie vergräbt ihr Gesicht in dem weichen Fell.
„Ich dachte, er kann auf sie aufpassen, wenn er etwas größer ist. Übrigens, es ist ein Rüde und sein Name ist Petru. Ich habe beobachtet, dass diese Hunde die Kinder am Hosenboden zurück zu ihren Eltern gebracht haben. Teilweise werden sie sogar ganz gezielt zum Hüten der Kinder eingesetzt!“, erklärt Marcellino schmunzelnd. „Damit hättet ihr ein Problem weniger, denn dieser Hund ist nicht zu übersehen, wenn er erst einmal ausgewachsen ist. Diese Rasse ist extrem menschenbezogen und kinderlieb. So, ich werde mich jetzt erstmal um mein Pferd kümmern. Shirin ist ja jetzt beschäftigt.“
Die Kleine hebt den Kopf und sieht ihn an, als hätte sie ihn genau verstanden. „Wauwau!“ lacht sie.

 

***

 


Die Satra verlebt einen ruhigen Winter in dem Tal. Es herrscht kein Mangel. Zur Wintersonnen-Wende veranstaltet Raluca ein Ritual für Shirin. Tagelang plant und bespricht sie alles mit Zoran und Rilana.
„Die Wintersonnen-Wende ist der ideale Zeitpunkt dafür. Es ist der Zeitpunkt, ab dem die Tage wieder länger werden. Zunächst zwar unmerklich, aber wir alle wissen es, und schon alleine dieses Wissen gibt uns Hoffnung.
Was ist eure Tochter anderes als lebendig gewordene Hoffnung? Sie ist das Kind der Prophezeiung. Die Hoffnung auf ein freies, friedliches Leben für unser vereintes Volk. Sie ist wie die Sonne. Mit jedem Tag bringt sie uns dem Licht näher, auch wenn es noch einige Jahre dauern wird.
Und alle hier im Lager lieben Shirin heiß und innig. Es ist nicht mehr einfach nur das Zeichen, dass sie trägt. Inzwischen hat ja jeder hier auf die eine oder andere Art und Weise den Zauber gespürt, der sie umgibt. Die Leute werden ihren Eid jetzt persönlicher, „gefühlter“ ablegen, einfach weil sie die Kleine erleben. Shirin ist jetzt LEBEN und keine verschwommene Vorstellung aus der Prophezeiung mehr.“

Und so planen sie das Fest. Essen wird vorbereitet und die Versammlungs-Hütte mit immergrünen Zweigen geschmückt. Eine Ecke wird mit Fellen und Decken ausgelegt für die Kinder. Keiner wird jemals auf die Idee kommen, die Kinder von Feiern fernzuhalten. Sie dürfen immer teilnehmen, und wenn sie müde werden, gehen sie von ganz alleine in ihre Ecke und legen sich hin. Von dort aus tragen sie ihre Eltern ins Bett.
Am Tag der Wintersonnen-Wende versammeln sich alle bei Sonnenuntergang in der Versammlungs-Hütte. Ein großes Feuer brennt in der Mitte der Hütte und der Rauch kann durch ein Loch im Dach abziehen. Die Satra umfasst etwa hundert Leute und es herrscht ausgelassene Stimmung.
Die Frauen haben das Essen hereingebracht. Es gibt Brot, Wurzeln und Beeren, und natürlich Fleisch. Vögel, kleine Tiere wie Igel und Kaninchen, außerdem Rehe sowie Schweinfleisch aus dem Ort.

Die Frauen versorgen als Erstes die Kinder. Nach dem Essen sitzen alle beieinander und unterhalten sich. Dann setzt die Musik ein.

Eine Feier ohne Musik ist bei den Roma und Sinti undenkbar. Musik liegt ihnen im Blut. Mal wild und voller Leidenschaft, dann wieder traurig und fast melancholisch. Die jungen Leute spielen mit der Musik, sie flirten und werben. Die Älteren sehen ihnen lächelnd zu.
Solche Feste sind die einzige Gelegenheit, die starren Regeln der Gemeinschaft, die sonst gelten, zu umgehen. Jetzt darf geflirtet und auch der eine oder andere scheue Kuss gewechselt werden.
Gegorene Stutenmilch macht die Runde und dann werden Rufe nach den Legenden laut. Lächelnd setzt Raluca sich in die Mitte und fordert Marcellino auf, es ihr gleichzutun. Die beiden haben im Lauf der Zeit einen vollkommenen Wechselgesang entwickelt. Absolute Stille herrscht, als sie nun beginnen, nur begleitet von einer Trommel, einer Flöte und einer Geige.
Die Geschichten und Legenden sind eine wichtige Identifikation für das Volk, und sie sind in jeder Sippe gleich. Es gibt immer nur minimale Unterschiede in der Art, wie sie vorgetragen werden. Alle Kinder sind von klein auf an damit vertraut.
Als Raluca aufhört zu erzählen, ist es sehr still geworden. Die meisten Kinder liegen auf den Fellen und schlafen, während die Erwachsenen das Gehörte noch in sich nachklingen lassen. Währenddessen lässt Raluca eine kleine Feuerschale hereintragen, die auf einen Dreifuß gestellt wird. Auch ein großer Korb mit Deckel, sowie drei Schälchen mit Farbe finden ihren Platz.

Jetzt nickt sie Rilana zu. Rilana weiß, was das bedeutet. Sie beginnt Shirin auszuziehen und hüllt die Kleine dann in ein Tuch aus weichem Leder. Leise setzt nun eine kleine Trommel ein. Alle Leute werden aufmerksam und setzen sich hin. Raluca winkt Vadim und Rilana mit dem Kind zu sich.
Nun ist sie nur noch die Puri Daj. Eine Autorität, der man mit Respekt entgegentritt. Raluca wirkt plötzlich wesentlich größer als sie wirklich ist. Nur in solchen Momenten spürt man die Macht, die von ihr ausgeht. Das ist umso wirkungsvoller, da sie sich sonst eher im Hintergrund aufhält. Selbst ihre Stimme klingt plötzlich tiefer und voller, als sie jetzt beginnt zu sprechen.
„Ich, die Puri Daj, begrüße euch alle heute Nacht zu einem ganz besonderen Ereignis. Wir, die Satra von Vadim und Rilana, haben dieses Jahr eine wichtige Aufgabe von den Göttern bekommen. Die Götter haben uns ein Kind der Prophezeiung anvertraut, damit es bei uns aufwächst. Dieses Kind soll von uns behütet und beschützt werden, damit es seine Aufgabe erfüllen kann, wenn die Zeit gekommen ist.
In unseren Händen liegt es nun, ob es für das Volk der Roma und Sinti eine Zukunft geben wird. Eine Zukunft vereint in Frieden, ohne Verfolgung und Hass. Deshalb bitte ich euch heute, einen Eid zu schwören. Den Eid, das Kind der Götter mit dem Zeichen der Eule zu schützen. Einen Eid, Shirin vor Schaden zu bewahren und damit unserem Volk eine Zukunft zu schenken.“
Sie winkt Rilana mit dem Kind zu sich heran und bedeutet ihr, Shirin aus der Decke zu nehmen. Rilana hält Shirin so, dass der Rücken des Mädchens Raluca zugewandt ist.

Die Puri Daj taucht einen Finger in die Schale mit der braunen Farbe und zeichnet das Zeichen der Eule auf der Schulter der Kleinen nach.

Dabei spricht sie laut. „DIE EULE ZU SCHÜTZEN GELOBEN WIR“

Jetzt taucht Raluca ihren Finger in eine Schale mit roter Farbe und zeichnet direkt neben Shirins Zeichen das Zeichen des Wolfes.

Dabei intoniert sie wieder laut. „SOLANGE, BIS DER WOLF IST HIER!“ Zuletzt nimmt sie schwarze Farbe und malt um beide Zeichen einen Kreis. „IN DIESER GANZ BESONDREN NACHT, GELOBEN WIR IHR SCHUTZ UND WACHT!“
In der Zwischenzeit hat Vadim seine rechte Schulter freigemacht. Auch bei ihm zeichnet sie die Symbole auf, während sie die Eides-Formel spricht. Danach nimmt Vadim Shirin auf den Arm und auch Rilana erhält das Zeichen. 

Raluca öffnet den Korb und holt zwei Lederbänder mit einem Anhänger heraus. Der Anhänger ist aus einer geschliffenen und polierten Holzscheibe und auf dieser Holzscheibe ist das Zeichen eingebrannt, das sie den beiden gerade auf die Schulter gemalt hat.
„Tragt diese Zeichen mit Stolz“, sagt sie ernst. „Ihr seid von den Göttern auserwählt, die Zukunft zu schützen.“
Sie muss nichts weiter sagen. Alle Mitglieder der Satra treten vor sie hin und lassen sich die Zeichen aufmalen und die Ketten geben. Selbst die Kinder werden geweckt, um ihre Zeichen zu empfangen.

Als die Zeremonie beendet ist, gehen Mihai und Marcellino kurz hinaus, um die Hütte gleich darauf mit einem Kinderbett zu betreten Sie stellen das Bett vor Vadim und Rilana. Sprachlos stehen die beiden davor.
An Kopf-und Fußende des Bettes ist das Zeichen kunstvoll eingeschnitzt und auch der Matratzen-Bezug, sowie Decke und Kissen sind über und über damit bestickt worden. Rilana legt Shirin in das Bettchen, wo sich sie Kleine sofort einrollt und einschläft.
Dann gehen Vadim und Rilana zu jedem einzelnen Mitglied der Satra und bedanken sich. Als sie später aneinander gekuschelt in ihrem Bett liegen, empfinden sie unendliche Dankbarkeit für ihre wundervolle Sippe, die geschworen hat, ihr Kind zu schützen.

 

 

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