Tiere???.

Tiere?

Morgengrauen. Wohliges Räkeln, und langsam öffnet er seine Augen. Ohne sich zu bewegen, genießt er die Wärme, die von ihr ausgeht. Alle liegen noch im tiefen Schlaf. Die Nacht war lang und erfolgreich.

Sie haben gejagt. Es ist wiedermal Zeit gewesen. Sie wissen nie wie eine Jagd ausgeht, es wird immer schwieriger. Sie werden verdrängt, ihr Lebensraum zerstört. Schneisen durchziehen die Wälder und es ist unangenehm auf ihnen zu laufen. Hart und unnachgiebig, nicht wie der Waldboden. Und dann die seltsamen Dinge, die plötzlich auftauchten. Schneller als alles, was er kennt. Stinkend und tödlich.

Und außerhalb des Waldes? Hindernisse, aber nichts mehr, was Deckung bietet. Das Jagen bei Tag verspricht keinen Erfolg mehr. Also jagen sie bei Nacht.

Das Rudel besteht aus sechzehn Tieren. Drei Welpen, erst wenige Wochen alt, und vier Halbwüchsige vom letzten Jahr. Der Rüde wird das Rudel verlassen müssen, wenn er geschlechtsreif ist. Er ist der Leitwolf und er duldet keine Konkurrenz. Zu hart hat er sich sein Ruder erkämpft.

Gestern Abend waren sie losgezogen. Elf graue Schönheiten. Aufmerksam hatten sie gelauscht und versucht Witterung aufzunehmen. Der Wald war still und nur der Wind verursachte Geräusche. Im fahlen Mondlicht schlichen sie weiter.

Schließlich erreichten sie den Waldrand. Aufmerksam witternd stand er da. Die bernsteinfarbenen Augen glitten über die offene Fläche und registrierten jede Bewegung. Sie mussten heute Erfolg haben. Seit mehr als einer Woche hatten sie keine Beute mehr gemacht.

Plötzlich nahm er eine Bewegung wahr. Ein kurzes Knurren war das Signal. Weit auseinandergezogen schlich sich das Rudel an, kreiste die Beute ein. Jede Deckung nutzend und das Ziel nicht aus den Augen lassend. Jede falsche Bewegung konnte die Beute verjagen.

Aber sie mussten Erfolg haben! Der Hunger quälte sie.

Endlich waren sie nah genug. Alle warteten auf sein Zeichen. Er duckte sich und spannte die Muskeln an für den Sprung. Dann ging alles ganz schnell. Geballte Kraft schnellte in einer fließenden, eleganten Bewegung aus der Dunkelheit hervor und verbiss sich in der Kehle. Der Kampf dauerte nicht lange. Dann stand er über dem Tier und heulte seinen Triumph hinaus. Sein Rudel wird überleben…

Sie haben das Schaf in den Wald geschafft und die Welpen geholt. Alle haben sich sattgefressen und jetzt liegen sie hier und schlafen.

Er erhebt sich und sieht sich um. Sein Rudel! Stolz erfüllt ihn. Langsam macht er sich auf den Weg zum Bach. Er hat Durst. Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und der Wald beginnt zu leben. Vögel sind zu hören und die ersten Kleintiere huschen durchs Unterholz.

Plötzlich ein Geräusch, das ihn aufmerken lässt. Alarmiert hebt er den mächtigen Kopf und horcht. Er kann die Quelle des Geräusches nicht orten. Dann wird ihm klar, dass es aus allen Richtungen zu kommen scheint. Sein Rudel!! Er muss sein Rudel in Sicherheit bringen! Schon nach wenigen Sprüngen hört er dieses grässliche Krachen, das den Frieden des Waldes zerstört. Schmerzerfülltes Jaulen hallt durch den Wald. Die Stimme seiner Gefährtin! Sie klingt so überrascht, fassungslos, hoffnungslos…...

Wie erstarrt steht er da. Hört dem Sterben seines Rudels zu und ist machtlos. Er kann nicht helfen. Es sind so viele…Sie kommen und töten, einfach so.

Das Rudel hat ihnen nie etwas getan, im Gegenteil. Sie meiden Orte, die den Geruch dieser Wesen aufweisen. Sie haben sich immer weiter in die Wälder zurückgezogen. Nur ganz selten, wenn der Hunger zu groß wird, wagen sie sich näher an die Wesen heran. Und jetzt sind sie hier…

Der Wolf steht da, alleine, ohnmächtig, erstarrt. Irgendwann wird ihm bewusst, dass es plötzlich still ist. Unnatürlich still. Langsam und vorsichtig nähert er sich dem Bau.

Es riecht nach Blut und Gewalt. Mit gesträubtem Nackenfell sieht er sich um. Diese Wesen haben nichts dagelassen. Sie haben ihre Körper mitgenommen. Überall liegen Äste, auf denen Blut und Haare seines Rudels kleben. Der Hass, mit dem die Wesen vorgegangen sind, ist greifbar.

Er kann die Aggressionen riechen. Die Luft ist immer noch erfüllt von dem Geruch ihres Schweißes. Lange sucht er die Umgebung des Baus ab, in der Hoffnung, doch noch ein Mitglied des Rudels zu finden.

Schließlich gibt er auf….Er wendet sich ab und zieht sich in den Wald zurück. Einsam, bis er ein neues Rudel findet…..Und jede Nacht wird seine Totenklage zu hören sein. Die Totenklage für sein Rudel, das nur tötete um zu überleben….

 

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